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16.03.20 09:15
Anleihen-Handel: "Die Menschen haben komplett die Nerven verloren"

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Flucht aus allem, was nach Risiko aussieht, hat in der letzten Woche neue Dimensionen erreicht, so die Deutsche Börse AG.

"Was wir am Aktienmarkt sehen, zeigt sich auch am Rentenmarkt", melde Arthur Brunner von der ICF Bank. "Alle Unternehmensanleihen erleiden massive Kursverluste, besonders die höherverzinslichen wie Mittelstandsanleihen."

"So etwas habe ich noch nicht erlebt", bemerke Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank. Das sei schlimmer als während der Finanzkrise. "Die Menschen haben komplett die Nerven verloren." Auch Rainer Petz von Oddo Seydler berichte von einem Ausverkauf aller Unternehmensanleihen: "Nicht nur Mittelstandsanleihen sind betroffen, sondern auch Anleihen großer, etablierter Unternehmen." Besonders unter die Räder geraten seien Bankanleihen, etwa der Deutschen Bank.

Dadurch, dass sich Banken aus dem Anleihehandel zurückgezogen hätten, verschärfe sich das Problem: "Es gibt einfach keine Käufer", stelle Petz fest. Daniel berichte, dass er Verkaufsorder kaum abarbeiten könne. "Die extreme Bewegung ist aber auch Folge der Automatisierung", meine er. Selbst die Handelsunterbrechungen brächten nichts. "Ich würde mir hier wirklich Hamsterkäufe wünschen." Wie es weitergehe? "Wir sind alle keine Ärzte", zitiere Petz einen Marktteilnehmer. "So etwas haben wir noch nicht gesehen."

Nur Staatsanleihen der als sicher geltenden Länder seien lange gefragt gewesen: Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen und US-Treasuries hätten Allzeittiefs erreicht, die Renditen von US-Treasuries hätten vorübergehend für alle Laufzeiten unter 1 Prozent gelegen - zum ersten Mal überhaupt. Zehnjährige Bundesanleihen hätten am letzten Montag mit minus 0,9 Prozent rentiert, ein Rekordtief, am Freitagmorgen seien es allerdings wieder minus 0,64 Prozent. Analysten würden den Renditeanstieg und Kursrückgang mit Zwangsverkäufen von Investoren begründen, die unbedingt an Liquidität kommen müssten.

Die Ankündigungen von EZB-Chefin Christine Lagarde vom letzten Donnerstag hätten den Markt nicht beruhigen können. Die Aufstockung der Anleihekäufe um 120 Milliarden Euro bis zum Jahresende und neue Geldspritzen für die Banken seien hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Außerdem habe Lagarde deutlich gemacht, dass es aus ihrer Sicht nicht Aufgabe der EZB sei, auf Bewegungen am Staatsanleihemarkt zu reagieren. Sie habe sich von der "whatever it takes"-Politik ihres Vorgängers Mario Draghi distanziert. Die US-Notenbank habe am Donnerstag abermals außerplanmäßig eingegriffen, um die Märkte zu stabilisieren: Sie habe angekündigt, Billionen von US-Dollar in den Markt für US-Staatsanleihen zu pumpen.

Die Rendite italienischer Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sei am letzten Donnerstag um fast 60 Basispunkte auf 1,88 Prozent gesprungen, das sei der höchste Stand seit Sommer 2019. Volkswirte würden für das Corona-geplagte Land einen scharfen Einbruch der Wirtschaft prognostizieren. Auch spanische Staatsanleihen (ISIN ES00000128H5 / WKN A1VQCB, ISIN ES0000012F43 / WKN A2R3SN) würden deutlich verlieren, wie Daniel melde.

Die Commerzbank rechne für diese Woche mit einer weiteren Zinssenkung der US-Notenbank um 50 Basispunkte, gefolgt von weiteren 25 Basispunkten im April. "Da die Märkte aber auch hier noch aggressivere Maßnahme erwarten, besteht Enttäuschungspotenzial", meine Anleiheanalyst Cem Keltek. Da zudem ein Abebben der Pandemie kurzfristig kaum zu erwarten sei, dürften sich die Bundrenditen kaum merklich von ihren neuen Rekordtiefs entfernen. (Ausgabe vom 13.03.2020) (16.03.2020/alc/a/a)


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