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Geldpolitik: Die Europäer werden die Zinsen als Erste senken


06.12.23 14:00
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Die Weltwirtschaft befindet sich in einer späten Phase des Konjunkturzyklus, so Michael Blümke, Senior Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A.

Angesichts der restriktiven Geldpolitik und der zwar abnehmenden, aber immer noch hohen Inflation, nehme die globale Wirtschaftstätigkeit weiter ab. Die weltweiten Einkaufsmanagerindices würden auf ein schwaches Wachstum und eine stagnierende Aktivität hindeuten. Während das Verarbeitende Gewerbe bereits eine Trendwende zeige, würden die Indikatoren für den Dienstleistungssektor auf eine weitere Verlangsamung des Expansionstempos deuten.

Die regionalen Wachstumsdivergenzen nähmen zu. Die US-Wirtschaft sei auf dem Pfad zu einer sanften Landung im Jahr 2024. Die Eurozone befinde sich in einer schwierigen Situation aufgrund des abnehmenden wirtschaftlichen Wachstums.

Chinas Wirtschaftsaussichten würden sich dank starker politischer Anreize verbessern, der Immobiliensektor bleibe jedoch eine Belastung. Geopolitische Spannungen und zunehmende Beschränkungen würden nicht nur den internationalen Handel verringern, sondern zusammen mit starker fiskalischer Unterstützung, einem soliden Arbeitsmarkt und einer robusten Nachfrage den mittelfristigen Disinflationsprozess infrage stellen. Dennoch hätten die Zentralbanken in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ihren Straffungszyklus höchstwahrscheinlich abgeschlossen. Da die Realzinsen aber nach wie vor negativ oder kaum im positiven Bereich seien, würden sich die Anzeichen dafür verdichten, dass das neutrale Zinsniveau höher sein könnte als in der Zeit vor der Pandemie. Um ein Wiederaufflammen des Inflationsdrucks zu vermeiden, müssten deshalb die Leitzinsen möglicherweise länger auf einem höheren Niveau belassen werden und die aktuellen Erwartungen auf baldige Zinssenkungen könnten sich als verfrüht herausstellen.

Nach einem nicht nachhaltigen Wachstum von annualisiert fast 5 Prozent im dritten Quartal verliere die US-Wirtschaft im vierten Quartal mit einem erwartetem BIP-Wachstum von 2 Prozent etwas an Schwung. Das Eintreten einer zeitnahen Rezession würden die Experten von ETHENEA nach wie vor für unwahrscheinlich halten. Erstens werde das bevorstehende Wahljahr trotz des rekordhohen Haushaltsdefizits für eine weiterhin expansive Fiskalpolitik sorgen. Zweitens seien die Daten vom amerikanischen Konsumenten, der immer noch der Schlüssel zur Aufrechterhaltung des US-Wirtschaftswachstums sei, in dieser Hinsicht ermutigend. Sowohl Umfragen über das Verbrauchervertrauen als auch die berichteten Einzelhandelsumsätze würden keine Rezessionstendenzen zeigen.

Am Arbeitsmarkt sei die Arbeitslosenquote auf 3,9 Prozent gestiegen und die wöchentlichen Anträge auf Arbeitslosenunterstützung nähmen langsam zu. Auch wenn dies erste Anzeichen einer Abschwächung seien, gebe es einerseits immer noch zahlreiche offene Stellen und andererseits sei die Gesamtzahl der Entlassungen immer noch weit von einem Rezessionsniveau entfernt.

Der Rückgang der Inflation habe sich im Oktober weiter fortgesetzt, jedoch seien die Inflationserwartungen weiterhin hoch. Die FED werde deshalb wahrscheinlich für einige Monate in der Warteschleife bleiben und vor ihrem nächsten Schritt gewissenhaft die Risiken einer langanhaltenden, hohen Inflation gegen die Risiken einer Überstraffung abwägen. Angesichts der anstehenden Präsidentschaftswahl sollte - solange keine Rezession eintrete - nicht zu viel Aktivität der Zentralbank erwartet werden.

Die Umfrage- und Wirtschaftsdaten für die Eurozone würden auch für das vierte Quartal ein gedämpftes Wachstum anzeigen. Während die PMI-Frühindikatoren den sechsten Monat in Folge im kontraktiven Bereich bleiben würden, würden die berichteten Wirtschaftsdaten eher auf eine stagnierende Wirtschaft als auf einen Konjunktureinbruch hindeuten. Der Arbeitsmarkt scheine solide, aber das Beschäftigungswachstum verlangsame sich erheblich. Da immer weniger Arbeitsplätze geschaffen würden, sei die Arbeitslosenquote mittlerweile auf 6,5 Prozent gestiegen. Zwar gebe es erste Anzeichen für eine Verbesserung im Verarbeitenden Gewerbe und auch das Verbrauchervertrauen stabilisiere sich auf einem sehr niedrigen Niveau, jedoch würden die Einzelhandelsumsätze weiter sinken.

Vor diesem nicht sehr wachstumsträchtigen Hintergrund und der Tatsache, dass die sonstigen Daten auch keine eindeutige Tendenz zeigen würden, würden die europäischen Währungshüter in den nächsten Monaten ganz klar auf die Probe gestellt. Während in einem Umfeld anhaltender Inflation und konstanter fiskalischer Anreize eine zu frühe Senkung der Zinssätze kontraproduktiv wäre, könnte eine zu lange Beibehaltung der restriktiven Politik jedoch einen noch stärkeren Wirtschaftsabschwung zur Folge haben.

Die Experten von ETHENEA würden davon ausgehen, dass mit der Abnahme der Inflation auf ein Niveau von 2,4 Prozent bzw. 3,6 Prozent in der Kernrate der Straffungszyklus der EZB definitiv beendet sei. Sie würden jedoch bezweifeln, dass sie über genug Geduld und Beharrlichkeit verfüge, um an ihrem restriktiven Kurs festzuhalten, der angesichts solider Lohnzuwächse und fiskalische Anreize notwendig wäre. Die EZB werde nach Einschätzung der Experten von ETHENEA nicht den Weg des wirtschaftlichen Schmerzes gehen und deshalb noch vor der FED die Zinsen senken.

Chinas wirtschaftliche Erholung halte im vierten Quartal in moderatem Tempo weiter an. Vor dem Hintergrund des angeschlagenen Immobiliensektors würden die Behörden weiterhin für gezielte geldpolitische und fiskalische Anreize sorgen. Diese würden langsam ihre Wirkung zeigen und die Wachstumsaussichten würden sich graduell verbessern. Der konsumgetriebene Aufschwung, bei dem beispielsweise die Einzelhandelsumsätze mit einem Anstieg von 7,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr die Erwartungen übertroffen hätten, beginne sich positiv auf die Industrieproduktion auszuwirken. Die Anlageinvestitionen würden aber nach wie vor unter der starken Belastung durch den Immobiliensektor leiden und seien im Jahresvergleich um -11,3 Prozent gesunken.

Die Erhebungen über die künftige Wirtschaftstätigkeit seien im November schwach geblieben und würden auf eine stagnierende Wirtschaftstätigkeit in den kommenden Quartalen hindeuten. Nach wie vor sei im Reich der Mitte die Gefahr einer Deflation real. Die geringe Dynamik des Aufschwungs bedeute, dass die Politik weiterhin expansiv bleiben müsse, um einen selbsttragenden Aufschwung zu fördern. Dass China, wie bei den letzten Krisen, zum Motor des nächsten globalen Aufschwungs wird, davon sind wir jedoch weit entfernt, so die Experten von ETHENEA. (Ausgabe 12 vom Dezember 2023) (06.12.2023/alc/a/a)