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EZB-Sitzung in Portugal: Marktteilnehmer sind gespannt auf die Fortschritte beim Fragmentierungsinstrument


29.06.22 11:30
Barings

Boston (www.anleihencheck.de) - Die EZB tagt diese Woche in Portugal und die Marktteilnehmer sind gespannt auf die Fortschritte beim Fragmentierungsinstrument, so Agnès Belaisch, Chief European Strategist bei Barings Investment Institute.

Die EZB brauche dieses neue Instrument, um sicherzustellen, dass sie die Leitzinsen anheben und die Inflation bekämpfen könne, während sie gleichzeitig die Ausweitung der Zinsunterschiede im Euroraum eindämme. Es gebe Zeiten, in denen die Unsicherheit so groß sei, dass die Marktstimmung die Fundamentaldaten vollständig dominiere. Die Stimmung beruhe auf Intuition, die oft kurzfristig sei und sehr oft das große Ganze außer Acht lasse. Wie die Ausweitung der italienischen und griechischen Renditenaufschläge in den letzten Wochen zeige, stelle der Anleihemarkt die Schuldentragfähigkeit der Peripherieländer in Frage und ignoriere dabei, dass sich das Schuldenprofil dieser Länder seit der europäischen Schuldenkrise verbessert habe. Doch die Stimmung auf dem Anleihemarkt sei entscheidend und die EZB könne nicht das Risiko eingehen, diesen Markt zu destabilisieren, indem sie sich auf den einzigen und entmutigendsten Kampf vor ihr konzentriere: die Kontrolle der Inflation.

Die Inflationsdynamik sei heute so hoch wie nie zuvor. In Europa, aber auch durch die Ansteckung in den USA und in den Schwellenländern, sei die Geopolitik ein wichtiger, unkontrollierbarer Faktor. Der Krieg in der Ukraine habe Sanktionen gegen russische Energieexporte in den Rest der Welt ausgelöst, die die Verfügbarkeit von Erdgas auf dem Weltmarkt drastisch reduziert hätten. Erdöl sei ein wichtiger Ersatz für alle Energieträger, die nicht mit Elektrizität betrieben würden und die Ölpreise würden anziehen. Ja, die Verlangsamung der Nachfrage, sei es durch den Kaufkraftverlust aufgrund der steigenden Inflation, die schwächere Haushaltsbilanz der Verbraucher als erwartet oder die schlichte Weigerung der Verbraucher, ihre Ersparnisse aus Vorsichtsgründen auszugeben, bedeute, dass die Nachfrage nach Rohstoffen etwas sinken könnte. Die Nachfrage nach Rohstoffen könne jedoch nicht schnell genug gesenkt werden, wenn das verfügbare Angebot zu gering sei. Die OPEC habe bestätigt, dass sie keine Kapazitätsreserven habe, um den Verlust an russischem Öl auszugleichen.

Die Zentralbanken seien mit einem doppelten Dilemma konfrontiert. Die aufgrund der steigenden Preise für fossile Brennstoffe beschleunigte Inflation werde möglicherweise nicht durch eine Abschwächung der Nachfrage nach dem Sommer gebremst. Die Zentralbanken würden sowohl mit einer steigenden Inflation als auch mit einer Konjunkturabschwächung konfrontiert sein und sie würden wahrscheinlich die Zinsen weiter anheben müssen, um ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen die Inflation zu sichern. So laute zumindest das ausdrückliche Mandat der EZB. In dieser Situation müssten die Regierungen die Steuerpolitik einsetzen, um die Auswirkungen dieses doppelten Schlags auf die Bevölkerung abzufedern. In Europa, wie auch auf der anderen Seite des Atlantiks, sei die öffentliche Verschuldung durch die dringend benötigte Pandemieunterstützung bereits sehr hoch. Die Fragmentierung sei das beste Instrument, das der EZB zur Verfügung stehe, um das Worst-Case-Szenario zu bewältigen. (29.06.2022/alc/a/a)