EZB in Zugzwang - Inflation und Leitzinsanhebungen führen zu Renditeanstiegen


24.06.22 13:00
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - In einem sich abschwächenden Wirtschaftsumfeld werden die Konjunkturprognosen am laufenden Band nach unten korrigiert, so Alexander Lukas, CFA bei der Weberbank.

Zeitgleich würden die Notenbanken aufgrund von Inflationssorgen ihre Leitzinsen erhöhen.

Die Geldwertstabilität sei die wichtigste Aufgabe der Europäischen Zentralbank (EZB). Viele Jahre sei man in Europa vor Geldentwertung verschont geblieben. Bereits in den Jahren vor der Finanzkrise im Jahr 2008 habe die EZB die Inflation im Griff gehabt - und auch in den Krisenjahren danach. Obwohl sie ihre Bilanz massiv aufgebläht und unentwegt Geld in die Märkte gepumpt habe, sei der Euro über die Jahre stabil geblieben. Doch mit jeder neuen Maßnahme, um die Kapitalmärkte, den Euro, aber auch Staaten zu stützen, hätten sich die Skeptiker gemeldet und vor der gefürchteten Geldentwertung gewarnt. Aber sie habe einfach nicht kommen wollen. Bis zu dem Zeitpunkt als Lieferkettenprobleme und steigende Rohstoffpreise im Corona-Erholungsjahr 2021 einen Vorgeschmack geliefert hätten, was es bedeuten würde, wenn Preise schnell steigen würden.

Der Ukraine-Krieg verschärfe diese Entwicklungen nun, sodass man sich mit Preissteigerungen konfrontiert sehe, die viele in dieser Höhe noch nie oder allenfalls vor Jahrzehnten erlebt hätten. Und die begrenzte Handlungsfähigkeit der Notenbanken werde sichtbar, denn das Mittel der Wahl gegen Inflation - die Zinserhöhung - würde das Wirtschaftswachstum bremsen. Dieses aber schwäche sich aktuell rasant ab. Daher würden die Währungshüter versuchen, die Inflation vor allem mit verbalen Interventionen einzufangen, während der Leitzins im Europäischen Währungsraum im Juli nur um 0,25 Prozentpunkte angehoben werden solle. Eine homöopathische Dosis.

Zusätzlich habe sich die EZB aufgrund von Marktverwerfungen jüngst gezwungen gesehen, eine überraschende Dringlichkeitssitzung einzuberufen. Dabei sei es vor allem um die steigenden Renditen in der europäischen Peripherie, also die hoch verschuldeten südeuropäischen Staaten, und die Sorgen vor einer sich wiederholenden Euro-Staatsschuldenkrise gegangen.

Beschlossen worden seien auf diesem außerplanmäßigen Treffen im Wesentlichen zwei Punkte: Künftig würden fällige Anleihen aus der Bilanz der Notenbank flexibel reinvestiert und vermutlich vor allem in Anleihen der Peripherie angelegt. Zudem solle ein neues Instrument geschaffen werden, das sprunghafte Anstiege der Renditeaufschläge der Peripherie verhindern solle. Dabei setze man darauf, dass dieses Instrument nicht eingesetzt werden müsse, da die pure Existenz ausreichen solle, um genügend Vertrauen zu schaffen. Einzelheiten seien noch nicht bekannt geworden, aber vermutlich beinhalte das Instrument auch den Kauf von Staatsanleihen hoch verschuldeter Staaten.

Der Rentenmarkt stehe in diesem Jahr stark unter Druck. Die Zeiten negativer Renditen scheinen vorbei, selbst kurz laufende deutsche Staatsanleihen würden wieder klar über Null rentieren. Die Inflation sei hoch, die Notenbanken würden die Zinsen erhöhen. Zwei Hauptgründe, warum die Renditen steigen würden. In den USA, wo die Wirtschaftsentwicklung stabiler laufe als in Europa, habe die Notenbank FED die Leitzinsen dieses Jahr bereits um insgesamt 1,50 Prozentpunkte erhöht, zuletzt gleich um 0,75 Prozentpunkte und damit so deutlich wie seit 28 Jahren nicht mehr.

Zusätzlich hätten die US-Währungshüter für ihre nächste Sitzung eine weitere Steigerung in gleicher Größenordnung angedeutet, wodurch die Leitzinsen ein "neutrales Niveau" erreichen würden. Als neutrales Zinsniveau werde dabei eine Höhe angesehen, welche die Wirtschaft weder stütze noch bremse. Die Weltwirtschaft kühle sich derzeit jedoch merklich ab. In Zeiten der Wirtschaftsabschwächung würden zudem die Risikoaufschläge für riskante Anleihen steigen, also zum Beispiel für Hochzinsanleihen, weswegen die Analysten für diese Anlagen skeptischer würden. Renditeanstiege würden mit fallenden Kursen einhergehen, sie böten natürlich daher ab einem gewissen Zeitpunkt Wiedereinstiegsmöglichkeiten. In der aktuellen Situation würden die Analysten damit jedoch noch warten.

Die Aktienmarktentwicklung sei zuletzt von fast schon panikartigen Verkäufen geprägt gewesen. Deutliche Verluste würden die Leitindices in die Richtung neuer Jahrestiefpunkte führen, womit die jüngste Kurserholung wieder beendet sei. Viele Indices seien vom letzten Hochpunkt zu Jahresbeginn nun abermals über 20 Prozent im Minus, was nach gängiger Interpretation als "Bärenmarkt" bezeichnet werde. Das bedeute nichts anderes, als dass Aktienkurse über einen längeren Zeitraum fallen würden - nun schon seit sechs Monaten. Damit zeige sich zunehmend das Marktverhalten, welches man in Rezessionsphasen habe sehen können.

Die Analysten würden unverändert keine schwerwiegende Rezession erwarten, auch wenn die Risiken dafür aufgrund der Lieferengpässe und des Ukraine-Kriegs unverkennbar gestiegen seien. Entsprechend würden sie auch für die Unternehmen keinen deutlichen Gewinneinbruch erwarten, sondern vielmehr positive Wachstumsraten - mit allerdings nachlassender Dynamik. Ihre Einschätzung basiere auf den Erkenntnissen der abgelaufene Berichtssaison zum ersten Quartal 2022.

Die Unternehmen hätten zum Großteil positiv überrascht, und auch die Ausblicke der Firmen seien zwar vorsichtig, vom Grundton aber grundsätzlich weiter positiv. Die Auftragsbücher vieler Unternehmen seien schließlich voll, die Kapazitätsauslastung hoch. Gleichzeitig sei die Bewertung der Aktien in vielen Sektoren wieder auf Normalniveau. Vor diesem Hintergrund würden sich die Analysten mit einem eher defensiven Portfolio und einer ausgewogenen Mischung aus fundamental starken Wachstums- und Valueaktien für diese Marktphase gut positioniert fühlen. (24.06.2022/alc/a/a)





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