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"Das zeigt den Ernst der Lage": Stimmen zum Rekordzinsschritt der EZB


09.09.22 11:00
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen im Euroraum um 0,75 Prozentpunkte angehoben, so die Experten von "FONDS professionell".

Einen solch großen Schritt habe es seit Einführung der Gemeinschaftswährung nicht gegeben. FONDS professionell ONLINE fasse zusammen, was die Experten von Banken und Asset Managern dazu sagen würden.

Die Europäische Zentralbank (EZB) habe ihre Leitzinssätze um jeweils 75 Basispunkte angehoben und prognostiziert, dass die Zinsen in den nächsten Sitzungen weiter erhöht würden. Damit liege der Hauptrefinanzierungssatz nun bei 1,25 Prozent und der Einlagensatz bei 0,75 Prozent.

Ziel sei, "die Nachfrage zu dämpfen und dem Risiko einer andauernden Aufwärtsverschiebung der Inflationserwartungen vorzubeugen", habe die Notenbank mitgeteilt. Die Inflation sei nach wie vor "deutlich zu hoch" und werde voraussichtlich noch "längere Zeit" über dem EZB-Zielwert liegen. Fachleute der EZB hätten zudem ihre Projektionen für die Inflation nach oben korrigiert. Indessen hätten sie die Schätzungen für das Wirtschaftswachstum 2022 und 2023 gesenkt.

Wie würden Experten die heutige Zinsentscheidung beurteilen? FONDS professionell ONLINE habe die wichtigsten Aussagen aus ausgewählten Marktkommentaren zusammengestellt.

Die Notenbanker der EZB um Präsidentin Christine Lagarde hätten die Leitzinsen deutlich erhöht. Wie würden Vertreter von Banken und Fondsgesellschaften den Schritt kommentieren?

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust:
"Es ist für die Wirtschaft besser, wenn die EZB die Zinsen schnell anhebt, anstatt das Bremsmanöver und die Unsicherheit über lange Zeit zu strecken. Mit der Anhebung der Leitzinsen um 75 Basispunkte sendet die EZB ein Signal der Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation. Angesichts des Verbraucherpreisanstiegs von über neun Prozent und der Wertverluste des Euro war diese späte Einsicht dringend erforderlich. Die Normalisierung der nach wie vor expansiven Geldpolitik wird aber mit weiteren Zinsanhebungen fortgesetzt werden müssen, um die Inflation einzudämmen."

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt von Union Investment:
"Die steigenden Energiepreise treiben die Inflation auf immer neue Höhen. Das setzt die EZB massiv unter Druck und zwingt sie, die Zinsen schneller und kräftiger zu erhöhen, als sie sich dies noch zu Beginn dieses Jahres hätte träumen lassen. Mit einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte nimmt die EZB nun den größten Zinsschritt in ihrer Geschichte vor. Nur in der Finanzkrise 2008 gab es etwas Vergleichbares, allerdings in die Gegenrichtung. Das zeigt den Ernst der Lage. Gleichzeitig geben die Währungshüter auch den Sparern ein deutliches Signal: Die Nullzinspolitik ist zu Ende! In den nächsten zwei Sitzungen bis zum Jahresende dürfte die EZB die Zinsen dann um weitere 50 beziehungsweise 25 Basispunkte anheben."

Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank:
"Bravo! Offensichtlich haben inzwischen auch die Tauben - also die Verfechter einer lockeren Geldpolitik - begriffen, dass längst nicht mehr nur die Reputation von EZB-Chefin Christine Lagarde auf dem Spiel steht, sondern dass die gesamte Institution ihre Glaubwürdigkeit verliert. Nämlich dann, wenn es ihr nicht gelingt, die langfristigen Inflationserwartungen wieder zu stabilisieren und die Abwärtsspirale des Euro zu brechen. Doch die Herausforderungen sind groß, vielleicht sogar riesig: Das Inflationsproblem im Euroraum können die Währungshüter nicht aus eigener Kraft lösen. Denn mit monetären Mitteln lassen sich weder Energiereserven herzaubern, noch Energiepreise senken, noch die Dauer der Energiekrise verkürzen. Zudem steht der Euroraum vor einer Rezession, die vielleicht nicht so stark ausfällt wie beim Ausbruch der Corona-Pandemie, dafür aber deutlich länger anhalten kann."

Thomas Altmann, Leiter des Portfoliomanagements bei QC Partners:
"Es ist die erwartete große Zinsanhebung. Damit unterstreicht die EZB ganz dick, dass die Bekämpfung der Inflation oberste Priorität hat. Eine Abschwächung der Wirtschaft wäre ein Kollateralschaden, den die EZB notfalls in Kauf nimmt. Mit der heutigen Entscheidung macht die EZB deutlich, wie ernst sie ihr Mandat nimmt. Und das Mandat der EZB lautet ausschließlich Wahrung der Preisstabilität und eben nicht Unterstützung der Wirtschaft oder bonitätsschwacher Staaten. Die Entschlossenheit der EZB hat den Euro wieder über die Parität gehoben. Die EZB macht deutlich, dass sie der Fed in Sachen Entschlossenheit nicht mehr hinterherhinkt. Die EZB hat das Tempo der Fed aufgenommen. Für die Börsen ist die heutige Entscheidung keine Überraschung. Mit ihrem entschlossenen Auftritt in Jackson Hole hat Isabel Schnabel die Anhebung um 75 Basispunkte vorbereitet. Von daher hatten die Börsianer genügend Zeit, sich auf die heutige Anhebung vorzubereiten."

Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands:
"Es ist gut, dass die EZB heute ihre Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation unter Beweis gestellt hat. Die davoneilenden Inflationsraten hatten einen großen Zinsschritt zwingend erforderlich gemacht. Die heutigen Entscheidungen sind jedoch nur eine Etappe auf dem Weg zu einem angemessenen Zinsniveau. Weitere Zinsanhebungen müssen folgen, damit die Menschen der EZB und ihrem Versprechen stabiler Preise auch weiter glauben können. Die EZB hat sich zur Gefangenen ihrer eigenen jahrelangen Niedrigzinspolitik und geldpolitischen Expansion gemacht. Sie muss jetzt umso entschlossener auftreten, um Vertrauen zurückzugewinnen. Die massive Teuerung zu stoppen, ist die Kernaufgabe der EZB. Dafür hat sie entscheidende Stellhebel in der Hand."

Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck:
"Die heutige Anhebung der EZB-Leitzinsen um erstmals 75 Basispunkte entspricht den Erwartungen der meisten Volkswirte. Vor Monaten noch schien ein solcher Schritt undenkbar. Heute erscheint er beinahe alternativlos, wenn die EZB ihr primäres Mandat nicht aus dem Auge verlieren will. Allerdings bleiben die von der Notenbank nicht beeinflussbaren Energiepreise der wesentliche Inflationstreiber in der Eurozone. Letztendlich ist für die EZB die Inflationsbekämpfung wichtiger als die Wirtschaft und die Währung, auch wenn sie beide natürlich im Blick behalten muss. Mit Blick auf die Inflation dürften die Erfolge noch auf sich warten lassen. Aus unserer Sicht wird die Inflation im Herbst und im Winter trotz der beherzteren Leitzinspolitik erst einmal hoch bleiben, bevor ab dem Frühjahr 2023 dann vor allem Basiseffekte die Raten nach und nach spürbar nach unten drücken sollten."

Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa bei der DWS:
"Es ist eine historische Entscheidung: Erstmals in ihrer Geschichte erhöht die EZB ihre Leitzinsen um 75 Basispunkte. Die Inflation in der Eurozone hat jüngst mit einer Rate von 9,1 Prozent ungekannte Höhen erreicht. Mittlerweile leidet die Hälfte der Mitgliedsländer unter einer zweistelligen Teuerungsrate. All das konnte die EZB nicht mehr ignorieren und agierte mutiger, als die meisten Beobachter es ihr vor Kurzem noch zugetraut hätten. Die EZB scheint somit ernstlich gewillt, die Inflation zu bekämpfen. Und die wird nach ihren eigenen Projektionen bis Ende des Prognosezeitraums deutlich zu hoch bleiben. Die EZB geht von Inflationsraten in Höhe von 8,1 Prozent für 2022, von 5,5 Prozent im Folgejahr und immer noch zu hohen 2,3 Prozent für 2024 aus. Das scheint alles in allem sehr realistisch. Auch auf der Wachstumsseite decken sich die Prognosen weitgehend mit unseren. Sie gehen von einem sich abschwächenden Wachstum über den Winter aus, aber - im Basisszenario - nicht von einem schweren Einbruch."

Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz:
"Der Konjunkturausblick der EZB dürfte sich als zu optimistisch herausstellen. Denn die Erosion der realen Kaufkraft wird die Wirtschaft im Euroraum kurzfristig in eine Rezession drücken. Die EZB erhöht die Zinsen also in einen wirtschaftlichen Abschwung hinein. Dies spricht - analog dem Bild in den USA - für eine Inversion der Zinskurven. Insbesondere Bundesanleihen könnten in den kommenden Monaten für Investoren wieder interessant werden. Voraussetzung ist eine Stabilisierung der Inflationserwartungen. Größere Risiken zeigen sich weiterhin mit Blick auf die Anleihen von fragilen Euroländern. Denn die Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit der EZB dürften in diesem Bereich getestet werden. Dies wiederum begrenzt den Spielraum für die Geldpolitik. Gleiches gilt für den angestrebten Abbau der Notenbankbilanz. Denn dieser würde den Abwärtsdruck auf die Kurse der Staatsanleihen nochmals deutlich erhöhen. Die Frage der quantitativen Straffung wurde deshalb auf die kommenden Sitzungen verschoben. Der Lackmustest für den Straffungskurs der EZB steht also noch aus." (Ausgabe vom 08.09.2022) (09.09.2022/alc/a/a)