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Zu früh für einen "Höhepunkt" bei den US-Zinssätzen?


02.06.22 16:30
Wellington Management

London (www.anleihencheck.de) - Nanette Abuhoff Jacobson, Global Investment and Multi-Asset Strategist bei der Vermögensverwaltungsgesellschaft Wellington Management, sieht zaghafte Anzeichen dafür, dass wir uns nicht einem Höhepunkt, sondern eher einem Plateau bei den US-Zinssätzen nähern.

Aber es bestehe immer noch große Ungewissheit über die künftige Inflationsentwicklung.

Fixed-Income-Investoren hätten gerade eine 'einmal-im-Leben'-Marktkorrektur erlebt: Ein Rückgang des Bloomberg Barclays US Aggregate Bond Index (der "Agg") um 10 Prozent in den ersten vier Monaten des Jahres 2022. Für die meisten Allokatoren sei dieser starke Rückgang mit einem schmerzhaften Ausverkauf am Aktienmarkt einhergegangen, der dem S&P 500 Index seit Jahresbeginn eine Rendite von -15 Prozent beschert habe. Für traditionelle Anlagen sei es in diesem Jahr bisher ein steiniger Weg gewesen.

Die Kräfte, die hinter der Korrektur bei den festverzinslichen Wertpapieren stünden, seien den Marktteilnehmern inzwischen bekannt: Steigende Zinsen, die vor allem durch eine höhere und stärkere Inflation als erwartet ausgelöst worden seien, und der Versuch der US-Notenbank (FED), 'nachzuziehen' - mit anderen Worten, die Inflation einzudämmen, bevor sich ein Teufelskreis aus steigenden Löhnen und noch höheren Preisen entwickele. Was nun? Die Experten würden immer noch zögern, einen Höchststand für die 10-jährigen US-Zinsen (über 3 Prozent) zu nennen, weil der Verlauf der künftigen Inflation höchst ungewiss bleibe, aber sie würden erste Anzeichen dafür sehen, dass man sich einem Plateau nähern könnte. Vier Überlegungen würden die Experten in diese Richtung tendieren lassen:

1. Wie viel geldpolitische Straffung sei bereits eingepreist?

Eine Menge. Dem FED-Funds-Futures-Markt zufolge würden viele Anleger inzwischen davon ausgehen, dass der FED-Funds-Satz bis Ende 2023 3,2 Prozent erreichen werde, was etwa 200 Basispunkte (bps) über dem derzeitigen Niveau von 75-100 bps liege…

2. Reagiere die Wirtschaft auf die höheren Zinssätze?

Die Wirtschaft und die Märkte scheinen eher auf die voraussichtliche als auf die tatsächliche Straffung der FED zu reagieren, so die Experten von Wellington Management…

3. Was müsse geschehen, damit die FED von der Straffung abrücke?

Niedrigere Inflation und schwächere Nachfrage. Letzte Woche habe der Vorsitzende Powell gesagt, dass es wahrscheinlich mehrere Monate mit niedrigerer Kerninflation brauchen würde, bis die FED von ihren geplanten Zinserhöhungen um 50 Basispunkte abrücken würde…

4. Was könnte jetzt schiefgehen?

Die FED befinde sich in Bezug auf die Straffung der Geldpolitik auf unbekanntem Terrain, und zwar angesichts 1) der Lücke zwischen der aktuellen Inflation und dem Ziel der FED und 2) der Tatsache, dass die Straffung zur Verringerung der FED-Bilanz verwendet werde, während gleichzeitig die Zinsen erhöht würden…

Die Inflation sei die eigentliche Unbekannte: Die FED gehe weiterhin davon aus, dass die höheren Rohstoffpreise und die Unterbrechungen der Versorgungskette durch den Russland/Ukraine-Krieg und die COVID-Sperren in China nachlassen würden. Sollte dies nicht der Fall sein, könnte die FED eine aggressivere Straffung der Geldpolitik beschließen, als der Markt derzeit erwarte. In diesem Szenario könnte eine 'Überstraffung' der FED die US-Wirtschaft in die Rezession treiben, insbesondere wenn sie mit wirtschaftlicher und marktbezogener Volatilität aufgrund anhaltender geopolitischer Unruhen oder anderer Ursachen einhergehe. Ziehe sich die FED hingegen zurück und der Markt glaube nicht, dass die Inflation unter Kontrolle sei, sei die Glaubwürdigkeit der FED in Gefahr. (02.06.2022/alc/a/a)