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Zwischen Hoffen und Warten


02.06.22 12:15
Euroswitch

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Trotz neuen Inflationshöchstständen verlief die zweite Maihälfte mit Kursanstiegen an den Aktienmärkten etwas erfreulicher, so die Experten der Vermögensmanagement Euroswitch.

Paradoxerweise hätten dabei Rezessionssorgen geholfen, die in der Folge weniger starke Zinsanstiege hätten erwarten lassen. Die Hoffnung auf ein Softlanding mit moderatem Wachstum bei zwar höheren, aber akzeptablen Inflationsraten sei aufgekeimt. Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch, betrachte trotz hoffnungsvoller Vorzeichen die Entwicklungen in China, aber auch in Russland vorsichtig: Entwicklungen dort könnten sich positiv als auch negativ - und vor allem rasant - auf die Kapitalmärkte auswirken. Dem Finanzexperten zufolge bleibe der Investitionsfokus auf Selektivität und Qualität in der Aktienauswahl der Schlüssel, um rapide Entwicklungen abzufedern und dem Portfolio zu Erfolg zu verhelfen.

"Nach einem unangenehmen Monat April bereitete auch der Monat Mai Aktionären zunächst wenig Freude. Nahezu alle Aktienindices setzten anfänglich die Abwärtsbewegung fort, bevor breitere Kursanstiege einsetzten", so Böckelmann. Die neue Hoffnung resultiere aus dem Phänomen, dass signifikant steigende Sorgen um das Weltwirtschaftswachstum etwas Druck von den Notenbanken nehmen könnten, die Zinsen zu drastisch zu erhöhen.

"Auch die Tatsache, dass die Inflation zwar neue Höchststände erklimmt, sich die Anstiegsraten aber deutlich abschwächen, unterstreicht das hoffnungsvolle Szenario, in dem vor allem der US-amerikanischen Notenbank FED das Kunststück eines sog. 'Softlandings' der eigenen Wirtschaft - also die Rückkehr zu moderatem Wachstum bei zwar höheren, aber akzeptablen Inflationsraten - gelingt", erläutere der Experte.

Nach dem Portfoliomanager würden die Marktteilnehmer bis dahin aber noch einige Monate lang widersprüchliche Indikatoren und Kennzahlen verarbeiten müssen. Zu verzerrt sei angesichts der globalen Lieferkettenstörungen das Angebots- und Nachfrageverhalten von Staaten, Unternehmen wie privaten Haushalten. Dabei bestehe die Hoffnung, dass es in den nächsten Monaten zu einem Abbau der Lieferengpässe kommen könne.

So deute China in den letzten Tagen eine teilweise Aufhebung der strengen Anti-Covid-Maßnahmen in den wichtigsten Wirtschaftszentren an. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO beschreibe eine gestiegene Wirksamkeit des chinesischen Impfstoffes nach einer multiplen Dosis. "Dennoch bleibt die Unsicherheit, ob die chinesische Administration im Zweifel nicht doch erneut Lockdowns präferieren wird und auch welche langfristigen Folgen die erfahrenen Lieferengpässe auf das Verhalten der Unternehmens- und auch Konsumentenwelt haben werden", mahne Böckelmann.

Auf der geopolitischen Seite hätten sich die Anzeichen verdichtet, dass Russland als neues offizielles Kriegsziel die Annexion des ukrainischen Ostens verfolge - etwas, was schon seit der Annexion der Krim befürchtet worden sei. "Sollte sich die russische Aggression endgültig auf den Osten reduzieren, ist ein Neubeginn von Verhandlungen zumindest denkbar. Dennoch bliebe Russland vermutlich vorerst weiter von den Weltmärkten ausgeschlossen und auch die Sanktionen blieben intakt. Letztere wirken weiterhin inflationär, da sie die Grundversorgung an Energie und wichtigen Lebensmitteln verknappen und auch der Industrie fehlen weiterhin wichtige Grundstoffe für ihre eigenen Wertschöpfungsketten", resümiere der Portfoliomanager.

Die Entwicklungen im Mai hätten nach Böckelmann verdeutlicht, dass es zwar Licht am Ende des Tunnels gäbe, dieser Tunnel sich aber weitaus länger hinziehe als gedacht. Auch seien politische Fehler bei den Notenbanken aber auch weitere geopolitische Eskalationen weiterhin nicht auszuschließen. "In der Folge erachten wir die Kapitalmärkte nach den schweren Einbrüchen seit Jahresbeginn als aktuell fair gepreist. Positive Entwicklungen in China aber auch in Russland könnten zu rasanten Anstiegen, negative Schocks entsprechend wieder zu Verwerfungen führen. Fakt ist - nachdem einige Aktien teilweise 80% und mehr von ihren Höchstständen verloren haben, blicken wir auf attraktive Bewertungen in vielen Sektoren und Regionen. Dennoch scheint es geboten, vorerst weiterhin auf die höchste Qualität bei Aktien zu setzen", so der Portfoliomanager.

Die Berichtssaison der Unternehmen zum 1. Quartal 2022 sei nach Böckelmann besser ausgefallen als erwartet, die Aktivitäten hätten aber auch nur wenige Wochen unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges gestanden. "Eine weitere Verfestigung der Lieferkettenstörungen und der inflationären Tendenzen wird sicher zu nachhaltigen Reaktionen der Unternehmen führen - dabei agieren diese im Umfeld aktueller Ungewissheit. Für uns als Investoren bleibt daher der Fokus auf Qualität in der Auswahl wichtig, denn weltweit führende bilanzstarke Unternehmen können am ehesten etwaige Fehlentscheidungen verkraften. Unser größtes Aktiengewicht liegt in den meisten Strategien auf profitablen Weltmarktführern mit entsprechender Preissetzungsmacht und bilanziellen Polstern", erläutere Böckelmann und gehe abschließend auf weitere Anlageklassen ein: "Bei Anleihen investieren wir selektiv in jene mit einer 'sicherer Hafen'-Charakteristik. Trotz des gestiegenen Zinsniveaus bleiben sogenannte Liquid Alternatives als Rentenersatz interessant. Auch Gold bleibt unverändert unser Favorit als Versicherung in Multi-Asset-Strategien." Abschließend blicke der Experte zwar vorsichtig, aber optimistisch in die Zukunft: "Wir bleiben konstruktiv optimistisch bei hoher Bereitschaft, bei sich ändernder Nachrichtenlage auch kurzfristig zu agieren." (02.06.2022/alc/a/a)