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Zuspruch für Anleihen dürfte steigen


02.11.22 10:21
Swisscanto Invest

Zürich (www.anleihencheck.de) - Die anhaltend hohe Inflation macht der Wirtschaft und den Konsumenten zu schaffen, so die Experten von Swisscanto.

Im September sei die monatliche Teuerungsrate in den von den Experten beobachteten Volkswirtschaften - Hochinflationsländer wie die Türkei oder Argentinien seien dabei ausgenommen - wieder um 0,5% angestiegen, nach 0,2% im August. Insbesondere die für den unterliegenden Trend aussagekräftige Kernteuerung weise in den Industrieländern mit wenigen Ausnahmen weiterhin nach oben. Den Unternehmen gelinge es bislang gut, die höheren Personal-, Energie- und Finanzierungskosten auf die Endverbraucher abzuwälzen. Dies zeige der Blick auf die Gewinnmargen der US-Unternehmen, die auch im dritten Quartal hoch geblieben seien.

Es erstaune deshalb nicht, dass die Notenbanken in ihrem Handeln und ihrer Rhetorik an der strikten Inflationsbekämpfung festhalten würden. Alles andere wäre unglaubwürdig und würde die Reputation der Notenbanken als Garant der Preisstabilität gefährden und wohl größere ökonomische Kosten in der Zukunft zur Folge haben. Für die Notenbanken sei es deshalb ganz entscheidend, dass die längerfristigen Inflationserwartungen verankert bleiben würden; dies sei ihnen bislang einigermaßen gut gelungen.

An den Finanzmärkten sei die Unsicherheit über die weitere Entwicklung bei Wachstum, Inflation und Geldpolitik mit Händen zu greifen. Auch die äußerst angespannte geopolitische Situation trage nicht zur Beruhigung der Situation bei. Auf der anderen Seite sei es unstrittig, dass der heftige Taucher an den Aktien- und Zinsmärkten schon viele schlechten Nachrichten vorweggenommen habe. Auf den Zinsmärkten würden die Experten das Chancen-Risiko-Verhältnis mittlerweile als vorteilhaft erachten. Der von ihnen erwartete Rückgang der Inflationsrate gekoppelt mit der konjunkturellen Schwächephase dürfte zu einem Rückgang der Renditen führen.

Die Aussichten an den Aktienmärkten würden die Experten dagegen nach wie vor zurückhaltender beurteilen. Die niedrigere Bewertung schaffe zwar eine bessere Ausgangslage für ein langfristiges Engagement; für eine nachhaltige Erholung in naher Zukunft seien aber bessere Wachstumsperspektiven erforderlich.

Die Volatilität am Anleihenmarkt sei derzeit außergewöhnlich. Verursacht würden die großen Schwankungen durch die anhaltende Unsicherheit über den weiteren Konjunkturverlauf und daraus abgeleitet die Unsicherheit über die Geldpolitik. Die Nachrichten von der Inflationsfront würden schwer verdaulich bleiben. In den USA sei die Kerninflation überraschend von 6,3% auf 6,6% angestiegen und die Finanzmärkte würden nun mit einem Leitzinsniveau von knapp 4,75% im März 2023 rechnen. Das habe den US-Renditen nochmals einen Schub verliehen.

Angesichts der Konjunktureintrübung scheinen die Erwartungen an die Notenbanken generell hoch. Zwar genieße die Bekämpfung der Inflation noch höchste Priorität, allerdings verlangsame sich das Tempo der Leitzinsanhebungen. So habe die Bank of Canada den Leitzins um 0,5% auf 3,75% angehoben, während der Markt mit einer Erhöhung um 0,75% gerechnet habe. In den kommenden Monaten dürfte sich das Inflationsbild aber verbessern, denn es kämen nun Monate mit günstigen Basiseffekten, sodass die Jahresteuerung schrittweise zurückgehen sollte.

Der von den Experten erwartete Rückgang der Inflationsrate gekoppelt mit einer konjunkturellen Schwächephase bis hin zu einer Rezession dürfte den Notenbanken im nächsten Jahr die Möglichkeit eröffnen, eine Pause im Zinserhöhungszyklus einzulegen. Dies dürfte den Zuspruch für Anleihen erhöhen und zu einem Rückgang der Renditen führen.

Aktuell würden sich Volkswirte und Investoren die Frage stellen, ob eine globale Rezession an den Aktienmärkten vorweggenommen, also eingepreist sei. Diejenigen, die das bejahen würden, würden unter anderem darauf verweisen, dass die Kursentwicklung mittlerweile ein deutlich niedrigeres Niveau der konjunkturellen Frühindikatoren erwarten lasse, als diese tatsächlich aufweisen würden. Damit werde unterstellt, dass die Aktienmärkte einen zeitlichen Vorlauf gegenüber den Frühindikatoren aufweisen würden.

Korrelationsanalysen würden jedoch zeigen, dass dem nicht so sei. Die sich aktuell aufkommende Lücke lasse sich mit der global hohen Inflation und der damit verbundenen Geldpolitik erklären. Beides habe zu deutlich steigenden Realzinsen und in der Folge zu einer Bewertungskorrektur bei Aktien geführt. Die abnehmende Konjunkturdynamik spiegle sich aber dennoch korrekt an den Börsen. Denn sie würden nicht das Wirtschaftswachstum selbst, sondern seine Veränderung einpreisen. Also seien nicht die Niveaus der Frühindikatoren die relevante Größe, sondern ihre Veränderung.

Einerseits hätten die globale Wachstumsverlangsamung, der Ukraine-Krieg, die damit verbundenen Kostensteigerungen und Versorgungsengpässe den Aktien der Eurozone in diesem Jahr kräftig zugesetzt. Andererseits würden die Unternehmen aufgrund der Euroschwäche ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum verzeichnen. Beides zusammen resultiere mittlerweile in einem deutlichen Bewertungsabschlag gegenüber den US-Aktien. Das relative Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bewege sich aktuell auf Niveaus wie zur Zeit der Wirtschafts- und Finanzkrise.

Ein derartiger Stand sei auch ein Hinweis darauf, dass schlechte Nachrichten deutlich stärker in den Kursen verarbeitet worden seien als gute, der Pessimismus also relativ ausgeprägt sei. Daraus lasse sich zwar noch keine Wende zum Besseren ableiten, aber es steige die Wahrscheinlichkeit, dass positive Nachrichten künftig einen stärkeren Einfluss auf die Aktienkurse ausüben würden als negative.

Die USA würden die Experten im Aktienuniversum zu den eher sicheren Häfen zählen. Anders als in der Schweiz spreche dafür nicht die defensive Sektorstruktur, sondern Größe und Liquidität. Für diese Eigenschaften seien Investoren bereit, eine Versicherungsprämie zu zahlen, was sich in einem vergleichsweise hohen KGV widerspiegle. Hinzu komme, dass sich die Wirtschaft bislang als robust gegenüber den bereits fortgeschrittenen Leitzinserhöhungen der US-Notenbank erweise. Den Prognosen der Experten zufolge sollte, anders als in Europa, eine Rezession vermieden werden können. Die Wahrscheinlichkeit, dass das nicht gelinge, sei allerdings gestiegen. Damit erhöhe sich das Risiko einer Bewertungskorrektur relativ zu anderen Regionen. (Ausgabe November 2022) (02.11.2022/alc/a/a)