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Zinswende voraus: Aussichtsreiche Unternehmensanleihen


09.02.24 13:10
Fisch Asset Management

Zürich (www.anleihencheck.de) - Für Fixed-Income-Investoren ging das vergangene Jahr mit einem Stimmungshoch zu Ende, so Oliver Reinhard, Senior Portfolio Manager bei Fisch Asset Management in Zürich.

Die spektakuläre Kursrally im November und Dezember sei umso eindrucksvoller gewesen, nachdem sowohl 2022 als auch phasenweise 2023 von schmerzlichen Verlusten und hoher Volatilität geprägt gewesen seien. Insbesondere Unternehmensanleihen hätten vom gesteigerten Risikoappetit profitieren können. Dabei dürfte es sich um keine Eintagsfliege handeln, denn die Aussichten für die Anlageklasse seien für den weiteren Jahresverlauf so gut wie lange nicht - das gelte für alle drei Sub-Kategorien: Investment Grade (IG), High Yield und Unternehmensanleihen aus Schwellenländern.

Investment-Grade-Anleihen würden sich angesichts der nach wie vor restriktiven Geldpolitik, des abgeschwächten Konjunkturzyklus, der rückläufigen Inflation und der fairen Bewertungen als Favoriten hinsichtlich Risiko und Ertragspotenzial erweisen. Historisch betrachtet sei der Höchststand der Leitzinsen jeweils der ideale Zeitpunkt für den Einstieg gewesen. Es herrsche weitgehender Konsens, dass dieser Punkt erreicht sei.

In den darauffolgenden Zinssenkungszyklen - momentan preise der Markt FED-Leitzinssenkungen von 130 Basispunkten für 2024 ein - hätten sich Unternehmensanleihen deutlich besser als die Aktienmärkte entwickelt. Derzeit würden die Experten sogar ein äußerst seltenes Phänomen sehen: US Investment-Grade-Anleihen würden zum ersten Mal seit mindestens 20 Jahren eine höhere Rendite aufweisen als Aktien (die Gewinnrendite von Aktien entspreche dem Kehrwert des Kurs/Gewinn-Verhältnisses).

Das hohe Zinsniveau biete auch einen effektiven Renditepuffer angesichts möglicher Spreadausweitungen. Selbst in einem realistischen Negativszenario mit einem Anstieg von 40 Basispunkten auf Indexbasis läge die erzielbare Jahresrendite von globalen IG-Anleihen immer noch bei etwa 3% (in US-Dollar hedged, verglichen mit derzeit rund 5,6% und etwa 4,1% auf 10-jährige US-Treasuries). Bis ein Verlust eintrete, wäre sogar eine Ausweitung um 80 Basispunkte verkraftbar (so genannte 'Break-Even-Rendite').

Anleger, die nach noch höheren Renditen streben würden und für die das Konjunkturglas halb voll sei, sollten das High-Yield-Segment genauer anschauen. Dort lägen die erzielbaren Renditen bei rund 7,5% in USD-High-Yield und 6,1% in Euro-denominierten Anleihen (in Lokalwährung ohne Hedging). Die eingepreisten Ausfallraten seien natürlich höher, aber gleichzeitig seien die Fundamentaldaten der Emittenten sehr solide und sollten einem moderaten Wirtschaftsabschwung gut standhalten können. Ein niedriger Verschuldungsgrad und eine robuste Schuldentragfähigkeit angesichts guter Cashflows würden dafür sprechen.

Damit bleibe auch die Ausfallquote niedrig, mit höchstens einem leichten Anstieg in Richtung des langjährigen Durchschnitts von 4%. Allerdings sollten Investoren, die eine schwere Rezession erwarten würden - ein Szenario, von dem derzeit nur wenige Marktbeobachter ausgehen würden - Abstand vom High-Yield-Segment halten. Abgesehen von diesem Worst-Case sollten die hohen Gesamtrenditen aber zumindest einer gewissen Ausweitung der Risikoaufschläge standhalten.

Bei Emerging-Markets (EM)-Anleihen lohne es sich, über die reinen Renditekennzahlen hinauszublicken. Weil Schwellenländer in den vergangenen Jahren vordergründig deutlich mehr schlechte als gute Nachrichten hätten verkraften müssen (Ukraine, China, Naher Osten), sei ihre Attraktivität vielleicht nicht auf den ersten Blick offensichtlich. Diese Betrachtung werde jedoch der sehr heterogenen Anlageklasse nicht gerecht, da die Krisenherde lokal begrenzt seien und das Universum ein breites Spektrum an Opportunitäten biete.

Die Makroperspektive spreche bereits für sich: Im Schnitt hätten die Schwellenländer ihren Vorsprung beim Wirtschaftswachstum gegenüber den Industrienationen halten können und würden ihn wohl 2024 sogar wieder vergrößern. Dazu würden die positiven Fundamentaldaten der Firmen kommen, die über alle Ratingsegmente hinweg sehr niedrige Verschuldungsquoten aufweisen würden - auch relativ zu ihren Wettbewerbern in den Industriestaaten.

Anleger würden zudem von einem vorteilhaften technischen Marktumfeld profitieren, in dem mehr ausstehende Anleihen zurückgezahlt würden als neu emittiert würden. Durch dieses negative Nettofinanzierungsvolumen entstehe ein Nachfrageüberhang, der die Anleihenpreise im Falle auslaufender Spreads stützen und die Ausweitung somit begrenzen würde.

Das technische Umfeld werde auch davon beeinflusst, dass viele Anleger tatsächlich wenig bis gar kein EM-Exposure hätten - mit abnehmender Tendenz. Das würden die Experten aber sogar positiv sehen: Denn sollten sich die in den vergangenen Jahren negativen Mittelflüsse umkehren, was nur eine Frage der Zeit sein dürfte, würde die Anlageklasse davon überproportional profitieren.

Investment-Grade-Anleihen würden in der aktuellen Marktlage solide Renditen im Vergleich zu Aktien bieten, während risikobereite Anleger im High-Yield-Segment und in den Schwellenländern attraktive Chancen finden würden. Eine differenzierte Portfoliostrategie bleibe entscheidend, um flexibel auf Marktentwicklungen reagieren zu können. (Ausgabe vom 08.02.2024) (09.02.2024/alc/a/a)