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Zinssitzung der Europäischen Zentralbank im Vordergrund


05.09.22 08:30
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die letzten beiden Wochen hatten es in sich, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Zum ersten steche sicher die Entwicklung an den europäischen Energiebörsen hervor. Nachdem vor einer Woche auf den Börsen sowohl beim Gas- als auch Strompreis Rekordstände verbucht worden seien, seien vergangene Woche die Notierungen wieder deutlich zurückgefallen. Allerdings seien die Preise noch immer auf einem enorm hohen Niveau, was mittelfristig zu einer starken Belastung für Unternehmen und Haushalte führen würde. Schon zuvor habe es in den meisten Ländern nationale Gegenmaßnahmen gegeben, um die negativen Auswirkungen abzudämpfen.

Die jüngsten Kapriolen hätten die europäische Politik auf den Plan gerufen. Am 9. September sei nunmehr ein Sondergipfel der EU-Energieminister angesetzt worden, an dem kurz- bis langfristige Maßnahmen (Preisdeckel, Steuererleichterungen, Veränderung des Preisbildungsprozesses) beraten würden, um Energiepreise unter Kontrolle zu halten. Weiterhin von Interesse und eng mit diesem Thema verbunden seien die Inflationsdaten gewesen. Im August sei die Teuerung im Euroraum über die 9%-Marke gestiegen. Während die hohe Preisdynamik bei Energiegütern (rund 38% p.a. - Rückgang Kraftstoffpreise, Anstieg Strompreis) nicht weiter zugelegt habe, habe sich der Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln (Sprung über die 10%-Marke) und Gütern ex Energie (auf rund 5% p.a.) erhöht. Im September müsse mit einem neuerlichen Anstieg der Inflation gerechnet werden.

Zuletzt hätten in Bezug auf Daten Konjunkturumfragen im Fokus gestanden. Zwar würden die Ergebnisse, vor allem in der Eurozone, das Bild einer sich abschwächenden Wirtschaft bestätigen. Die Resultate seien aber oft besser ausgefallen als erwartet. Zum Beispiel habe sich das Konsumentenvertrauen, das zuvor unter das Niveau während der Finanz- oder Corona-Krise gefallen sei, in der Eurozone und noch stärker in den USA verbessern können.

Aus Sicht der Analysten steche aber der US ISM Index für das Verarbeitende Gewerbe hervor. Dieser Indikator habe eine lange Tradition und gelte als sehr verlässlich. Zwar sei der Gesamtwert unverändert geblieben, was eine schwach positive Entwicklung in der US-Industrie signalisiere. Allerdings hätten die Teilumfragen Beschäftigung und Auftragseingang deutlich zulegen können, gleichzeitig sei der Preisdruck bei Vorleistungsgütern stark zurückgegangen. Diese frühen Signale einer Konjunkturstabilisierung und Inflationsberuhigung in den USA seien fast zu schön, um wahr zu sein. Wie belastbar das Ergebnis der Augustumfrage letztlich sei, werde sich erst in den kommenden Monaten herausstellen.

In dieser Woche würden noch einige Resultate von Konjunkturumfragen im August nachgeliefert. Am interessantesten sei hier sicher der US ISM Index für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe. Dieser signalisiere eine weitaus positivere Entwicklung für den US-Dienstleistungssektor als der S&P Einkaufsmanagerindex. Nur bei einem Absturz der ISM-Erhebung würde sich diese Diskrepanz schließen. Weiterhin stünden in der Eurozone Industriedaten und die erste Stimmungsumfrage für den Monat September an. Aufgrund der Verwerfungen auf den Energiebörsen und den Rückgängen von Aktienkursen würden die Analysten damit rechnen, dass sich die Stimmung der befragten Finanzmarktteilnehmer eingetrübt habe.

Ganz klar im Vordergrund sei aber die Zinssitzung der Europäischen Zentralbank. Erstens würden neue Wirtschaftsprognosen vorgestellt, welche sehr sicher eine deutliche Abwärtsrevision der BIP-Prognose für das Jahr 2023 und eine starke Aufwärtskorrektur der Inflationsprognosen für die Jahre 2022 und 2023 zeigen werde. Zweitens gelte eine Leitzinsanhebung als sicher. Am Markt werde ein Ausmaß von 50 bis 100 Basispunkten (BP) diskutiert. Zudem hätten sich die mittelfristigen Zinserwartungen seit Anfang August um rund 100 Basispunkte nach oben entwickelt.

Auslöser für die Aufwärtskorrektur der Leitzinserwartungen seien die jüngsten Kommentare von EZB-Ratsmitgliedern. Vor allem die Auftritte in Jackson Hole müssten als "hawkish" interpretiert werden. Ein rasches Erreichen eines neutralen Zinsniveaus sei als unumstrittenes Vorhaben dargestellt worden. Erst der Übergang in ein restriktives Terrain würde eine genauere Datenabwägung erfordern. Somit stelle im September ein Schritt um 50 BP wohl die Untergrenze dar und nach oben hin - zu einem dann neutralen Niveau - seien zumindest 100 BP Platz.

Allerdings habe zuletzt Direktoriumsmitglied Lane hervorgehoben, dass die konkrete Geschwindigkeit, mit der man das beabsichtigte Ziel im Leitzinszyklus ansteuere, ein wichtiges Element der Geldpolitik sei. Aus seiner Sicht seien bei mehreren kleineren Schritten ungewollte Marktverwerfungen weniger wahrscheinlich als bei wenigen großen. Nach Abwägung der Kommentare in den letzten Wochen würden die Analysten auf der September-Sitzung mit einer Anhebung der Leitzinsen um 75 BP und bis Jahresende in Summe um 150 BP rechnen.

Während für die Entwicklung der Geldmarktsätze und Renditen für kurzlaufende deutsche Staatanleihen in den kommenden Monaten der konkrete Pfad eine wichtige Rolle spiele, sei für die Zinsen mit mittlerer und langer Bindungsfrist entscheidend, auf welches Leitzinsniveau der aktuelle Anhebungszyklus führe und wie lange die Leitzinsen auf einem möglicherweise erhöhten (restriktiven) Niveau verharren würden. Bis Anfang August seien am Markt diese Zinserwartungen überraschend zurückgeschraubt worden. Mit dem jüngsten Anstieg der deutschen Anleiherenditen bzw. EUR Spapsätze würden die Analysten aber den Leitzinsausblick wieder realistisch gepreist erachten. Somit dürfte sich der weitere Aufwärtsdrang bei mittel- bis längerfristigen Zinsen einbremsen, im Zuge der anstehenden Leitzinsanhebung könnte auch eine Verschnaufpause eingelegt werden.

In Summe sei bis Jahresende jedenfalls mit einer Verflachung der Rendite- und Zinskurve auszugehen. Neben den Leitzinsen sei für den Zinsmarkt auch von Bedeutung, wie die EZB mit ihren anderen Instrumenten weiterverfahre. Die Analysten würden sich erwarten, dass zusätzliche Details zum Transmissionsschutz Instrument (TPI) bekannt gegeben würden (neues, noch inaktives Anleihekaufprogramm). Zudem würden sie mit einem Update zu den Refinanzierungsgeschäften und zum Umgang mit der Notenbank-Überschussliquidität rechnen (in welchem Ausmaß werde eine positive Verzinsung beschnitten und welche Steuerungsmittel würden eingesetzt). (Ausgabe vom 02.09.2022) (05.09.2022/alc/a/a)