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Zinsmarkt unter der Lupe


09.01.23 08:30
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Die absolut vorrangige Frage für die internationalen Rentenmärkte bleibt insgesamt, wie schnell nunmehr ein Rückgang des Inflationsdrucks weltweit zu verzeichnen sein wird, so die Analysten der National-Bank AG.

Die jüngsten Daten vor allem in den USA würden weiterhin in die richtige Richtung weisen, die statistische Unschärfe bzw. das Prognoserisiko bleibe aber noch extrem hoch, der unterliegende Trend werde voraussichtlich erst im Frühjahr einigermaßen verlässlich abschätzbar. Die US-Notenbank bekräftige im jüngsten Protokoll noch einmal ihren festen Willen, der Inflation ohne Wenn und Aber entgegen zu treten. Für die FED zähle letztlich allein die wahrscheinlichste Datenentwicklung - Recht habe sie. Die führenden angelsächsischen Analysen würden in der Summe nach Erachten der Analysten relativ eindeutig darauf verweisen, dass gerade die in der deutschen und europäischen Debatte vielfach ins Feld geführten Inflations-Narrative voraussichtlich in die falsche Richtung deuten würden.

Die zugrundeliegenden Prognoserisiken würden weiterhin zwar überdurchschnittlich hoch bleiben, mit Blick auf die Inflation würden die Effekte aus der Covid-Pandemie bereits im laufenden Jahr aber ausgehend von den USA aller Voraussicht nach auch weltweit spürbar abklingen. Konkret würden die Analysten erwarten, dass der US-Preistrend allerspätestens zur Jahresmitte 2023 nachhaltig nach unten drehe, wahrscheinlich dürfte bereits im Frühjahr 2023 erkennbar werden, dass sich die Inflationsproblematik zumindest in den USA weitgehend gelöst haben werde.

Die große Frage sei dann vor allem, wie stark und wie schnell sich dieser Disinflationsimpuls auf das Euroland übertrage: Grundsätzlich spreche die geringere preisliche Flexibilität und die wesentlich ausgeprägteren Systeme der sozialen Sicherung in Kombination mit der relativ hohen Auslastung an den europäischen Arbeitsmärkten für eine zumindest höhere Persistenz der Inflationsimpulse. Auf der anderen Seite seien die konjunkturellen Perspektiven aber hierzulande so schwach, dass dies schneller als gedacht preisdämpfende Wirkungen zeitigen könnte. Trotz einer wesentlich geringeren Preiselastizität und einer Vielzahl kriegsbedingter Sondereffekte dürfte der globale Inflationsverbund in der Eurozone die entscheidende Schützenhilfe für die Reduktion der Inflation liefern. Aller Erfahrung nach sollte der Disinflationsprozess auch in der Eurozone mit einem zeitlichen Versatz zu den USA von ca. 2-3 Quartalen einsetzen.

Für die Stärke der Übertragung der US-Impulse auf die europäische Zinsstrukturkurve sei vor allem die Haltung der EZB entscheidend: Normalerweise bewirke der internationale Konjunkturverbund eine mehr oder minder parallele Entwicklung vor allem im mittleren bis längeren Laufzeitenbereich, da die Märkte gleichgerichtete Handlungen der Notenbanken erwarten würden. Mit Blick auf den üblichen Vorlauf der US-Wirtschaft vor der europäischen Konjunktur komme es nun darauf an, wie schnell die EZB der FED folgen werde und könne. Form und Lage der europäischen Zinsstrukturkurve würden also primär auch eine Funktion des Disinflationsprozesses in Europa sein: Je zäher dieser werde, desto flacher dürfte die Kurve in Europa verlaufen und umgekehrt.

Mit Blick auf die geschilderte Entwicklung sähen die Analysten den Hochpunkt der FED-Funds nunmehr bei 5,0%, für die EZB könnte bei einem Hauptrefinanzierungssatz von 3,0% Schluss sein, die Unsicherheit für diese Projektion sei hier allerdings extrem hoch. Im Ergebnis hätten die Analysten auch die Projektion für die 10-jährigen Bundrenditen auf den Prognosehorizont auf 1,8% wieder deutlich ermäßigt. Die Projektionen für die US-amerikanischen 10-jährigen Benchmark-Sätze würden sie auf Werte um 3,7% auf Jahressicht zurücknehmen. (Ausgabe vom 06.01.2022) (09.01.2023/alc/a/a)