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Zinsentscheidung: Was ist von der Europäischen Zentralbank zu erwarten?


08.06.22 16:12
XTB

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank wird morgen um 13:45 Uhr eine geldpolitische Entscheidung bekannt geben, so die Experten von XTB.

Der Markt rechne frühestens im Juli mit einer Zinserhöhung, allerdings wachse der Druck auf die EZB. Deswegen werde die bevorstehende Sitzung genau beobachtet, in der Hoffnung, dass zumindest die Weichen für eine Zinserhöhungen im nächsten Monat gestellt würden.
Überall auf der Welt würden die Zentralbanken die Zinssätze in rasantem Tempo erhöhen, um die Inflation einzudämmen. Während das Preiswachstum nach den massiven Pandemieanreizen bereits hoch gewesen sei, habe sich die Situation in diesem Jahr noch verschlimmert. Der Ukraine-Krieg und die Lockdowns in China hätten die Probleme in den Lieferketten noch verstärkt. Dennoch werde nicht erwartet, dass die EZB morgen die Zinsen anhebe. Die Geldmärkte würden nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 19% mit einer Zinserhöhung rechnen. Doch werde auf der morgigen Sitzung eine neue Reihe von Wirtschaftsprognosen veröffentlicht, die die Erwartung einer Zinserhöhung im Juli verstärken könnten.

Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm werde erwartet

Eine inoffizielle Faustregel besage, dass die großen Zentralbanken bis zu den vierteljährlichen Sitzungen mit der Ankündigung wichtiger politischer Maßnahmen warten würden, um diese mit neuen Wirtschaftsprognosen zu untermauern. Nun handele es sich morgen um eine solch vierteljährliche Sitzung, womit eine Zinserhöhung theoretisch erfolgen könnte. Jedoch dürfe man nicht vergessen, dass das Anleihekaufprogramm der EZB noch laufe, und eine Zinserhöhung bei gleichzeitiger Liquiditätszufuhr in die Märkte gelinde gesagt fragwürdig wäre. Eine Straffung der Geldpolitik sei nichtsdestotrotz dringend erforderlich. Deshalb bestehe das Basisszenario für die Sitzung in dieser Woche darin, dass die EZB das Ende des Anleihekaufprogramms ankündige und eine Zinserhöhung in den nächsten Monaten andeute.

Lagardes Pressekonferenz im Fokus

Die Ankündigung das Anleihekaufprogramm einzustellen sei bereits weitgehend eingepreist, und die neuen Wirtschaftsprognosen würden sich wahrscheinlich nur kurz auf die Marktvolatilität auswirken. Die Aufmerksamkeit der Märkte werde sich daher fast ausschließlich auf die Pressekonferenz von EZB-Präsidentin Lagarde (14:30 Uhr) richten. Die Geldmärkte würden derzeit mit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte im Juli rechnen, gefolgt von einer Zinserhöhung um 50 Basispunkte im September. Dies wäre eine massive Straffung der Geldpolitik für eine Zentralbank, die die Zinsen jahrelang im negativen Bereich gehalten habe.

Diese hohen Erwartungen an eine sonst derart zurückhaltende Zentralbank würden durch die jüngsten Kommentare von EZB-Mitgliedern genährt. Die Chefs der Zentralbanken würden jedoch oft versuchen, die Erwartungen über solche Statements zu steuern, um die Märkte nicht zu verunsichern - und genau das werde morgen von Lagarde erwartet. Es sei unwahrscheinlich, dass die EZB-Präsidentin die Straffungserwartungen gänzlich über den Haufen werfe. Jedoch sei es auch unwahrscheinlich, dass sie eine klare Aussage zum Umfang der kommenden Zinserhöhungen treffe. Es bestehe also Spielraum für eine überraschend zurückhaltende Reaktion, da die EZB nicht gerade dafür bekannt sei, die Erwartungen des Marktes zu erfüllen.

Ein Blick auf EUR/USD und DAX

EUR/USD habe Mitte Mai eine Erholung in dem Versuch gestartet, einen über ein Jahr andauernden Abwärtstrend zu beenden. Die Erholung sei jedoch an der Widerstandszone unterhalb des 23,6%-Retracements zum Stillstand gekommen. Die Erwartungen an die EZB seien sehr hawkish, sodass die Risiken für den EUR vor der Sitzung eher abwärts gerichtet seien. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass eine Zinserhöhung nicht nur bevorstehe, sondern auch schnell erfolgen werde, könnte der Gemeinschaftswährung jedoch helfen, wieder Boden gutzumachen. (08.06.2022/alc/a/a)