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Zentralbanken: Zinssenkungspfad mit Herausforderungen


12.02.24 11:41
Amundi

Paris (www.anleihencheck.de) - Vor dem Hintergrund einer sich verlangsamenden Inflation und einer möglichen konjunkturellen Abschwächung bei gleichzeitig robusten historischen Daten bewerten die Märkte den geldpolitischen Kurs der Zentralbanken neu, so Vincent Mortier, Group CIO Amundi und Matteo Germano, Deputy Group CIO Amundi.

Das Tempo der Inflationsverringerung könnte jedoch durch die Krisen am Roten Meer beeinflusst werden, insbesondere in Europa. Die Aufgabe der Zentralbanken werde also immer schwieriger, während sie versuchen würden, die Zinssätze für die richtige Dauer auf einem restriktiven Niveau zu halten.

Auch was das Wachstum anbelange, würden die Experten eine anhaltende Verlangsamung in den USA erwarten, die sich auf die Jahresmitte konzentrieren werde. In Europa hätten sie ihre Wachstumsprognosen für dieses Jahr nach unten korrigiert, und in China würden sie mit einer unter dem Konsens liegenden Inflation rechnen. Diese Änderungen hätten aber keinen Einfluss auf ihre Konjunktureinschätzung:

- Der US-Arbeitsmarkt schwächele. Das Lohnwachstum verlangsame sich, und der größte Teil des Beschäftigungszuwachses finde in nicht-zyklischen Sektoren statt. Dies könnte sich auf den Konsum auswirken, der im Moment noch stark sei.

- Für die Eurozone werde keine Rezession erwartet, aber die Risiken seien hoch. Schwache Staatsausgaben und Sachzwänge (Deutschland, Frankreich) dürften die Wirtschaft belasten, aber der private Konsum und das Lohnwachstum würden für die Region sprechen. Letzteres sei auch für die Entscheidungen der EZB von Bedeutung.

- Verlangsamtes Wirtschaftswachstum und Disinflationsrisiken in China. Große fiskalische Maßnahmenpakete scheinen unwahrscheinlich, da die Regierung versuche, den Schuldenberg abzubauen. Angesichts der fundamentalen Probleme im Immobilien- und Konsumsektor sollten vereinzelte Stimmungsaufheller jedoch keine nachhaltige Wirkung haben.

- Geopolitik/Politik werde immer wichtiger. Die Hälfte der Weltbevölkerung werde in diesem Jahr ihre Staats- und Regierungschefs neu wählen. Die Beziehungen zwischen den USA, China, der EU und den Schwellenländern würden von den gewählten Staats- und Regierungschefs und der innenpolitischen Rhetorik beeinflusst werden.

Die Entwicklung der Anlageklassen würden die Experten wie folgt sehen:

Anlageklassen-übergreifende Perspektive: In den USA würden die Experten eine Verlangsamung, aber keinen Einbruch der Gewinne sehen. Die Renditen dürften niedrig bleiben, weshalb sie insgesamt wachsam bleiben würden. Während sie bei Aktien der Industrieländer defensiv bleiben würden, seien sie gegenüber Japan leicht positiv eingestellt. Auch in den Schwellenländern würden die Experten positiv gestimmt bleiben, wobei sie sich jetzt hauptsächlich auf Asien konzentrieren würden.

In Bezug auf die Duration - ein Maß für die Zinssensitivität - in den USA und Europa seien die Experten ebenfalls leicht optimistisch, da die Disinflation bereits im Gange sei. Sie würden aber insbesondere in Europa die Notwendigkeit sehen, eine aktive Haltung einzunehmen. Sie würden auch Investment Grade-Unternehmensanleihen - also Anleihen hoher Bonität - in der Region für attraktiv halten.

Im Devisenbereich seien sie beim USD gegenüber dem JPY nicht mehr ganz so zurückhaltend, da die Märkte die übermäßigen Zinssenkungen bereits in den Dollar-Bewertungen eingepreist haben dürften. Der Yen bleibe jedoch nach Auffassung der Experten eine gute Absicherung gegen globale Wachstumsrisiken, ebenso wie Öl gegen geopolitische Risiken.

Anleihen: Die Experten seien für die US-Duration leicht positiv und gegenüber Europa und Japan leicht zurückhaltend eingestellt. Mit Blick auf die sich verändernde Einschätzung der Märkte, was die Zinssenkungen der Zentralbanken betreffe, würden sie jedoch flexibel bleiben. Bei den Unternehmensanleihen hätten sie eine etwas positivere Haltung gegenüber hochwertigen EU-Investment Grade-Anleihen. Angesichts der Ausfallrisiken und der hohen Bewertungen würden sie US-Investment-Grade-Anleihen gegenüber High-Yield-Anleihen (Hochzinsanleihen) bevorzugen.

Aktien: Auch wenn der breite US-Markt und das Wachstum überbewertet erscheinen würden, würden die Experten Segmente mit attraktiven Unternehmen und Gewinnwachstumsperspektiven sehen (z. B. US Value - wertorientierte US-Aktien). Auch in Japan gebe es jetzt Anzeichen für eine nachhaltige Erholung und die Aussichten auf ein Ende der Deflation seien positiv zu werten. In Europa, wo die Bewertungen günstiger seien als in den USA, würden sie ausgewogen bleiben und zyklische Qualitätsunternehmen und defensive Titel bevorzugen.

Schwellenländer: Diese Regionen, insbesondere in Asien, wo mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebe, böten gute Rahmenbedingungen für Anleihen und Aktien. Die Experten würden jedoch die Inflation im Blick behalten und auch die Tatsache, dass die Schwellenländer nicht homogen seien: Die Länder Lateinamerikas (z.B. Brasilien, Mexiko und Kolumbien) und Asiens (z.B. Indien und Indonesien) müssten individuell betrachtet werden, wie die Experten meinen würden.

Bei den Anleihen würden die Experten Hart- und Lokalwährung gleichermaßen positiv sehen, wobei sie High Yield gegenüber Investment Grade bevorzugen würden. Sie würden auch die geopolitischen Risiken zwischen den USA und China sowie im Nahen Osten beobachten und seien daher gegenüber der Golfstaaten-Region etwas zurückhaltend. (12.02.2024/alc/a/a)