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Zeitenwende der EZB - erster Zinsschritt seit elf Jahren


14.06.22 10:45
ALTE LEIPZIGER Trust

Oberursel (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) signalisierte auf ihrer Junisitzung die erste Zinserhöhung im Euroraum seit elf Jahren, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust.

Voraussichtlich solle ein erster Zinsschritt am 21. Juli - im Rahmen der nächsten EZB-Sitzung - in Höhe von 25 Basispunkten erfolgen. Wie von den Marktteilnehmern erwartet, habe der EZB-Rat beschlossen, die Nettoanleihekäufe im Rahmen des milliardenschweren Wertpapierkaufprogramms "APP" zum 1. Juli einzustellen. Somit habe die EZB in den vergangenen Jahren Anleihen im Wert von rund 4,4 Billionen Euro in ihre Bücher genommen. Darüber hinaus signalisiere die EZB eine weitere Zinserhöhung für den September diesen Jahres. Sollten die mittelfristigen Inflationsprognosen unverändert bleiben oder gar zunehmen, könnten die Leitzinsen laut EZB im September auch um 50 Basispunkte steigen.

Für die Zeit danach stellte EZB-Präsidentin Lagarde weitere Zinsanhebungen in Aussicht, was aus Sicht der EZB auch deshalb notwendig sei, weil die EZB nun zum ersten Mal für das Ende ihres Prognosehorizonts eine Inflation von mehr als 2,0% erwarte. Die Experten würden erwarten, dass die EZB den Einlagenzins sukzessive bis Mai 2023auf 1,5 % anhebe. Mit einer Inflationsrate von zuletzt 8,1% im Euroraum stelle sich die Frage, ob die EZB nicht nur zu spät, sondern auch zu zögerlich reagiert. Schließlich lägen die von der EZB erstellten Projektionen für die jährlichen Inflationsraten weiter über dem EZB-Ziel von mittelfristig 2%. Laut EZB werde die jährliche Inflationsrate 2022 in der EU bei 6,8% liegen, bevor sie in den Jahren 2023 und 2024 auf 3,5% bzw. 2,1% zurückgehen sollte.

Von der EZB weiterhin thematisiert worden seien Maßnahmen gegen steigende Renditeaufschläge von hoch verschuldeten EU-Staaten, etwa Italien - eine Entwicklung, die sich wegen steigender Leitzinsen fortsetzen und zu einer sogenannten Fragmentierung der Währungsunion führen könnte. Präsidentin Lagarde habe klar gemacht, dass die EZB eine solche Fragmentierung nicht akzeptieren werde. Sie habe auf bestehende Instrumente wie das flexible Reinvestieren von fälligen Anleihen im Rahmen des "PEPP"-Kaufprogramms verwiesen.

Die Rentenmärkte würden wegen des anhaltenden Inflationsdrucks und der restriktiv agierenden Zentralbanken anfällig bleiben. Staatsanleihen der Euro-Peripherie stünden unter Druck, solange die EZB nicht glaubhafte Abwehrmaßnehmen gegen Spreadausweitungen präsentiere. Das kurze Ende der Euro-Kurve scheine aber auf die anstehenden EZB-Zinserhöhungen gut vorbereitet. Die Rendite zehnjähriger Bunds habe mit aktuell 1,43% ein neues Hoch erreicht, ebenso die Rendite zweijähriger Bunds mit 0,83%. Die Kurse der in Rentenfonds enthaltenen Papiere hätten weiter deutlich nachgegeben. (Ausgabe Juni 2022) (14.06.2022/alc/a/a)