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Wird sich die Erhöhung des Einlagensatzes im September auf den europäischen Bankensektor auswirken?


19.09.22 10:15
La Française AM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Der Zinssatz für die Einlagefazilität ist einer der drei Zinssätze, die die Europäische Zentralbank (EZB) alle sechs Wochen im Rahmen ihrer Geldpolitik festlegt, so Jérémie Boudinet, Head of Investment Grade Credit, La Française AM.

Der Satz lege fest, welche Zinsen die Banken für die Einlage von Geld bei der Zentralbank über Nacht erhalten würden. Zwischen Juni 2014 und Juli 2022 sei dieser Satz negativ gewesen und habe die Profitabilität der Banken belastet. Im September 2019 sei ein sogenanntes "zweistufiges System" eingeführt worden, das einen Teil der überschüssigen Liquiditätsbestände der Kreditinstitute von der negativen Verzinsung zum Satz der Einlagefazilität befreie.

Ziel dieses Systems sei es gewesen, die Auswirkungen auf die Ertragslage der Kreditinstitute abzuschwächen. Nach der Anhebung des Einlagensatzes auf 0,75% im September 2022 sei das zweistufige System für die Verzinsung von Überschussreserven abgeschafft worden. Könnte es angesichts der zu erwartenden weiteren Zinserhöhungen der EZB in den kommenden Sitzungen zu weiteren positiven Auswirkungen auf die Profitabilität der europäischen Banken und zu Auswirkungen auf nachrangige Bankanleihen kommen?

Kurz gesagt: Nicht wirklich, nach Meinung der Experten. Ja, höhere Zinssätze würden in der Regel zu höheren Nettozinserträgen führen, da die Banken ihre Margen erhöhen könnten. Höhere Ertragskennzahlen für Banken würden sich jedoch nicht unbedingt in höheren Solvenzkapitalquoten niederschlagen, da die Banken möglicherweise geneigt wären, stattdessen die Aktionärsvergütung zu erhöhen. Die von den Banken vorgehaltenen Solvenzpuffer würden von den Aufsichtsbehörden bestimmt und dürften sich nach Erachten der Experten in den kommenden Quartalen kaum verändern; sie sollten ohnehin auf einem hohen Niveau bleiben, um Systemrisiken in Europa zu vermeiden.

Bemerkenswert sei, dass mehrere nationale Aufsichtsbehörden (darunter die französische und die schwedische) die Kapitalanforderungen für ihre lokalen Banken im nächsten Jahr über den "antizyklischen Puffer" würden erhöhen wollen. Dieser Puffer solle den Bankensektor vor Phasen mit übermäßigem Gesamtkreditwachstum schützen, werde aber derzeit von den Aufsichtsbehörden missbraucht, um Banken davon abzuhalten, deutlich mehr Kapital an ihre Aktionäre auszuschütten.

Höhere Zinssätze seien nur ein Teil der Rentabilitäts-/Solvenz-Gleichung für europäische Banken, da sie in einem überregulierten Sektor agieren würden; Überregulierung sei eine gute Nachricht für Anleiheinhaber, aber weniger für Aktionäre. Außerdem sei der Bankensektor sehr anfällig für staatliche Interventionen, wofür es in jüngster Zeit mehrere Beispiele gebe: (i) Die französische Regierung zwinge die nationalen Banken, die Gebühren bis 2023 nicht um mehr als 2% zu erhöhen, (ii) eine neue Bankensteuer in Spanien, (iii) der polnische Parteichef Kaczynski wolle, dass die polnischen Staatsbanken die Zinsen für Einlagen auf "mindestens 7 bis 8%" erhöhen würden. Banken seien für Politiker ein einfaches Ziel, und die Vorteile höherer Zinsen könnten leicht durch einmalige Obergrenzen, Steuern und regulatorische Hürden zunichte gemacht werden.

Höhere Zinssätze würden sich nur dann positiv auf die Ertragslage auswirken, wenn die anderen Kennzahlen konstant bleiben würden, was bei einer derartigen makroökonomischen Unsicherheit nicht gewährleistet sei. Die Profitabilität der Banken hänge davon ab, inwieweit sie in der Lage seien, neue Kredite zu vergeben, wie hoch die Rückstellungen für Kreditausfälle sein müssten, um ihre Bilanz vor einer Rezession zu schützen, und wie hoch die im Jahr 2022 gestiegenen Kosten für die Großkundenfinanzierung seien.

Der Bankensektor bleibe zyklisch und ein Indikator für die makroökonomische Lage. Höhere Zinssätze seien langfristig positiv für den europäischen Bankensektor, aber Rentabilitäts- und Solvabilitätskennzahlen würden weiterhin von regulatorischen, politischen und makroökonomischen Entscheidungen abhängen. Daher würden die Experten keine Auswirkungen höherer Zinssätze auf nachrangige Anleihen erwarten. (19.09.2022/alc/a/a)