Weltwirtschaft schwächt sich weiterhin ab - Disinflationärer Impuls aus China


10.11.22 11:15
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Am globalen Konjunkturbild hat sich nichts Wesentliches geändert, so die Experten von Raiffeisen Capital Management.

Die Zeichen stünden weitgehend synchron in allen Regionen auf Abschwung. Die durch Nachholeffekte nach der Pandemie sowie fiskalische Stützungsmaßnahmen zeitweilig stark erhöhte Nachfrage bei Privathaushalten und Unternehmen gehe massiv zurück, die restriktivere Geldpolitik der Notenbanken verstärke diesen Effekt. Durch die steigenden Energie- und Lebensmittelpreise würden die Budgets der Konsumenten in vielen Ländern zusätzlich stark belastet. In den USA scheine der Nachfrageeffekt bislang noch relativ gering ausgeprägt zu sein, dürfte aber in den kommenden Quartalen auch dort deutlicher sichtbar werden. Im Gegenzug befänden sich die Lagerbestände in China nahe auf ihren Rekordniveaus, während die Abnehmer in den USA und in Europa zunehmend Bestellungen reduzieren oder stornieren. Natürlich würden diese Lagerbestände trotzdem größtenteils verkauft werden - allerdings mit entsprechenden Preiszugeständnissen.

Seitens China sei ein kräftiger disinflationärer Impuls bei Konsumgütern zu erwarten, der die Inflationsraten in vielen Ländern in den kommenden Monaten spürbar beeinflussen werde. Für viele Produzenten in China und Asien werde das die ohnehin schon geschrumpften Gewinnmargen weiter belasten.

Trotz dieser Anzeichen für einen signifikant nachlassenden Inflationsdruck in den kommenden Quartalen dürfte die US-Notenbank ihren aggressiven Kurs geldpolitischer Straffungen bis auf Weiteres noch beibehalten und frühestens im ersten Quartal 2023 etwas vom Gas gehen. Die Finanzmärkte würden bereits vorher reagieren und versuchen, eine Pause bzw. das Ende von Zinsanhebungen schon lange vorher einzupreisen. Bisher hätten sich diese Versuche aber als voreilig erwiesen.

Zugleich bedeute dies, dass auch US-Anleiherenditen und der US-Dollar vorerst noch Aufwärtsdruck verspüren würden. Das wiederum heiße weiter anhaltenden Gegenwind für Aktien, Anleihen und Währungen der Schwellenländer. Im Gegenzug könnte es aber starke und länger anhaltende Aufwärtsbewegungen bzw. Outperformance bei Schwellenländer-Vermögenswerten geben, sobald der US-Dollar und die US-Staatsanleiherenditen ein langfristiges Top ausgebildet hätten. Obwohl dann die gesamte Assetklasse Rückenwind bekommen sollte, werde gute Selektion weiterhin sehr wichtig sein.

Die Rohstoffe würden sich stabilisiert, aber insgesamt mit weiterhin schwächerer Tendenz zeigen - kein Wunder angesichts des negativen Trends bei Welthandel und Exporten (jenseits von Energieträgern). Gleichwohl sei die Angebotssituation bei Öl und Raffinerieprodukten (speziell Diesel) weiterhin fragil. Massive Verkäufe aus der strategischen Ölreserve der USA plus eine erwartete Reduktion der Nachfrage durch eine schwächere Weltkonjunktur hätten zwar den Aufwärtstrend des Ölpreises in den letzten Monaten gestoppt, langfristig bleibe die Lage aber angespannt. Jenseits von Konjunkturzyklen steige die Nachfrage weltweit weiter, während auf der Angebotsseite bislang faktisch keine Reaktion erfolge, die Produktion nennenswert auszuweiten. Im Gegenteil, die OPEC-Plus-Staaten hätten ihre Fördermenge zuletzt sogar reduziert - auch wenn dies zum Teil eher ein formelles Absenken von Förderquoten gewesen sei, die ohnehin schon seit langem unterschritten worden seien. Für die kommenden Jahre bleibe ein höherer Ölpreis ein signifikantes Risiko für den Inflationsausblick sowie für viele Unternehmen bzw. Wirtschaftszweige. Daran ändere auch die fortschreitende Substitution von Öl (z. B. Elektrofahrzeuge) auf absehbare Zeit relativ wenig.

Schwellenländeranleihen in US-Dollar würden durch den Anstieg von US-Renditen und Risikoaufschlägen inzwischen im Durchschnitt bei knapp 10% notieren. Selbst wenn man die Kosten etwaiger Währungsabsicherungen hineinrechne, würden attraktive nominale Renditen (für Euro-basierte Investoren derzeit beispielsweise deutlich über 6%) bleiben. Das entschädige schon für einiges an potenziellen Ausfalls- oder Restrukturierungsrisiken.

Sobald sich ein Ende der Zinsanhebungen in den USA abzeichne, könnten zumindest anfänglich EM-Anleihen (in Hart- und Lokalwährung) sogar stärker profitieren als EM-Aktien. Denn Aktien könnten dann immer noch unter Gewinnrezession und Konjunkturproblemen leiden, während für Anleihen vor allem Inflation, US-Zinsen und Ausfallsrisiken von Bedeutung seien.

Insgesamt lasse sich festhalten, dass das Umfeld kurz- und mittelfristig weiterhin noch nicht für riskante Vermögenswerte generell und für Schwellenländer-Aktien spreche. Das könnte sich im ersten Halbjahr 2023 aber ändern. Langfristig seien die Bewertungen und fundamentalen Aussichten für viele Emerging Markets weiterhin gut bis sehr gut, wobei sie im Einzelfall stark variieren würden und daher selbstverständlich wie schon immer gute Selektion gefragt sei. (Ausgabe vom 04.11.2022) (10.11.2022/alc/a/a)