Weltweite Inflationsentwicklung gibt noch keine Entwarnung


12.09.22 10:40
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Mit einer kräftigen Erhöhung ihrer Leitzinsen um 0,75% auf 1,25% hat auch die EZB - wenn auch verspätet - gezeigt, dass sie ihre Aufgabe der Erhaltung der Preisstabilität ernst nimmt, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Die aktuellen Verteuerungen nicht nur in der Eurozone, sondern in der ganzen Welt würden weitere Schritte erwarten lassen. Die Finanzmärkte hätten entgegen historischer Reaktionen positiv auf den EZB-Schritt reagiert. Dies spiegele die Erwartung, dass allmählich doch stabilere Konjunkturentwicklungen erreicht würden. Doch noch gebe es keine Entwarnung. Die Hauptursache des gegenwärtigen Konflikts sei der Krieg in der Ukraine und die Verknappung bei Erdgas als Basis der Energieversorgung in vielen Volkswirtschaften. Es laufe auf die Frage zu: Wann werde Russland endlich einlenken?

Alle Hoffnungen, der Gipfel der Inflation sei weltweit nahe, fänden in der tatsächlichen Entwicklung der Indices noch keine Bestätigung. Der Preisrückgang vieler Komponenten des Konsumentenpreisindex von Anfang Juni sei inzwischen überkompensiert worden durch den neuerlichen Schub der Energiepreise, insbesondere der Preise für Erdgas und Elektrizität.

So halte die Zentralbank es für möglich, dass die Teuerungsrate in der Eurozone von gegenwärtig 9,1% weiter steige auf 10%, in den nächsten drei Jahren aber wieder in Richtung des Zieles von 2% sinke. Die nachgebende Konjunktur sollte ich mit einem time lag auch auf die Inflation auswirken. Doch Hoffnungen der Finanzmärkte, dass dies bald eine Änderung der Geldpolitik der Zentralbanken bewirken könnte, seien verfrüht.

Die Weltkonjunktur befinde sich ebenso wie die in der Eurozone und in Deutschland oder wie in den USA und China in der Phase einer Beruhigung. Der wichtigste Bremsfaktor sei die Knappheit an preiswerter und verfügbarer Energie, was sich in hoher und steigender Inflation auswirke. Die Zentralbanken würden deswegen eine restriktivere Geldpolitik mit steigenden Leitzinsen verfolgen. Dies sei eine Zwickmühle, denn sie würden dadurch vorübergehend die Konjunkturberuhigung verstärken. Ob dies noch zu einer weltweiten Rezession führen werde, lasse sich derzeit noch nicht abschätzen.

Diese Konstellation "Abschwächung bei Inflationsbekämpfung" sei außerordentlich schwierig zu steuern und abzuschätzen.

Die Erhöhung der Leitzinsen sei in den USA und in Großbritannien schon weit vorangeschritten, wenn auch noch nicht zu Ende. Da die EZB mit ihrer Geldpolitik dieser Strategie hinterherhinke, werde sie in den nächsten Monaten weitere Erhöhungen vornehmen. Festgeldzinsen würden jetzt wieder eine Verzinsung bringen, doch sie sei so klein, dass sie keinen Ausgleich für die Inflationsrate bringen könne. Doch würden die Festgeldzinsen vermutlich weiter steigen. Doch kaum so weit wie in früheren restriktiven Zeiten. Dafür sei die Gesamtverschuldung bereits absurd hoch:

Per 30. Juni 2022 lägen die US-Gesamtschulden bei 372% des US-BIP. Als Alan Greenspan Mitte 2004 die US-Leitzinsen angehoben habe, seien es 315% gewesen. Ende 1979 habe die US-Gesamtverschuldung bei 153% gelegen und so habe der damalige FED-Chef den Leitzins 1980 und 1981 auf bis zu 20% anheben können.

Die Rentenmärkte in der Eurozone würden bisher nicht die übliche Reaktion auf eine Leitzinserhöhung zeigen. Sie würden keine positive Realverzinsung bieten. Die geringe Verzinsung bei der erwarteten Inflationsentwicklung rechtfertige keine Investition in langlaufende Anleihen. Auch wenn der Kauf bis zum Ende der Laufzeit durchgehalten und wieder zu 100% getilgt werde, entstünden durch die Inflation Verluste für den Käufer.

Die derzeitige Konstellation der Einflussfaktoren auf die Finanzmärkte biete keinen günstigen Hintergrund für die Aktienmärkte. Gemessen am DAX befinde sich der Markt schon seit Anfang des Jahres in einem Abwärtstrend, der ab und zu durch Zwischenerholungen wieder teilweise korrigiert werde. Aber eine Konjunkturberuhigung oder gar mögliche Rezession bei steigenden Leitzinsen könne dem Markt keine positiven Impulse verleihen. Die Inflation bewirke fallende Unternehmensgewinne durch Kostensteigerungen. Einige Gewinnwarnungen wären in nächster Zeit keine Überraschung. Die einzige Ausnahme biete der Kauf von Erzeugern erneuerbarer Energien. Die Zukunft für das ganze Energieproblem könnte die Wasserstofftechnologie bieten.

An der Börse werde derzeit häufig auf das Argument verwiesen, bei steigenden Zinsen könnten die Edelmetallpreise nicht steigen. Doch das lasse sich historisch nicht belegen. Auch bei Geldmarktzinsen von 1,25% werde niemand Gold verkaufen und in Festgeld anlegen. (Ausgabe vom 11.09.2022) (12.09.2022/alc/a/a)