Erweiterte Funktionen

Die Welt hat sich in den letzten sieben Tagen strukturell verändert


20.06.22 09:15
Aegon Asset Management

Baltimore (www.anleihencheck.de) - Die Welt hat sich in der letzten Woche strukturell verändert, so Olaf van den Heuvel, Adrian Hull und Phil Haworth, das Investmentteam von Aegon AM.

Die Federal Reserve (FED) habe die Zinssätze um 75 Basispunkte angehoben; eine Anhebung, die seit 28 Jahren nicht mehr geschehen sei. Bis zu einem gewissen Grad habe der Markt einen solchen Schritt bereits eingepreist, denn zweijährige US-Staatsanleihen seien 300 Basispunkte billiger als im Oktober letzten Jahres, und zweijährige Anleihen würden jetzt mit 3,375% rentieren. Dies zeige, inwieweit die Märkte weitere Maßnahmen der FED, die die Zinsen voraussichtlich weiter anheben würden (FED Funds Range 1,5 bis 1,75%), bereits abgewertet hätten.

Die Spannungen hätten am vergangenen Freitag begonnen, als der Verbraucherpreisindex in den USA, der angeblich seinen Höchststand erreicht habe, statt 8,3% nur 8,6% angezeigt habe. Hinzu sei gekommen, dass die Umfrage der University of Michigan zu den langfristigen Inflationserwartungen um 0,3% auf 3,3% gestiegen sei. Einfach ausgedrückt: Die Inflation und die Inflationserwartungen würden in die falsche Richtung gehen, und die FED habe dies mit einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte anerkannt und damit bewiesen, dass sie es ernst meine, wenn es um die Inflationsbekämpfung gehe.

Die Bank of England habe daraufhin die Zinssätze um 25 Basispunkte angehoben, um zu zeigen, dass sie sich um die Inflation kümmere, doch angesichts der negativen Wachstumszahlen für April beginne das Vereinigte Königreich, sich mit der potenziell toxischen Mischung aus höheren Zinsen und einer schrumpfenden Wirtschaft auseinanderzusetzen.

Die außerplanmäßige EZB-Sitzung habe den italienischen und anderen südeuropäischen Anleihemärkten Auftrieb gegeben, wo man sich erneut Sorgen über die absoluten Kosten der Verschuldung (über 4% für Italien) und die relativen Kosten der Verschuldung (+2,4% gegenüber Deutschland) mache. Beide Zahlen seien nicht gut, und die EZB spreche von einer Fragmentierung der Eurozone, während sie nervös über ihren ersten offiziellen Zinsschritt im Juli nachdenke.

Der weltweite Inflationsdruck sei größtenteils auf die höheren Energiepreise nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine zurückzuführen, insbesondere in Europa, das sich schnell von dem inzwischen sehr teuren russischen Gas lösen wolle. Inflationsdruck bestehe auch bei anderen wichtigen russischen und ukrainischen Exporten wie Getreide, Düngemitteln und anderen Rohstoffen.

Die höheren Energie- und Lebensmittelpreise würden wie eine Steuer auf den Verbrauch wirken. Die Verbraucherstimmung in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften sei in jüngster Zeit auf ein Niveau gesunken, das auf dem Höhepunkt der weltweiten Pandemie im Jahr 2020 erreicht worden sei. Außerdem sinke das Vertrauen der Unternehmensleiter, was wahrscheinlich zu einer Drosselung der Investitionsausgaben führen werde.

Trotz dieses düsteren Bildes hätten sich die Gewinnprognosen der Unternehmen insgesamt bisher bemerkenswert gut gehalten. Vielen Unternehmen sei es gelungen, die höheren Input- und Arbeitskosten weiterzugeben. Allerdings würden sich die Anzeichen für überschüssige Lagerbestände in einigen Branchen, z. B. im Einzelhandel, in der Elektronikbranche und in der Halbleiterindustrie mehren.

In einer Welt, in der das Angebot an Verbrauchsgütern zugenommen habe - und die Ausgaben dafür durch höhere Energie- und Lebensmittelpreise eingeschränkt würden -, würden die Gewinnspannen der Unternehmen wahrscheinlich unter Druck geraten. Es gebe Spielraum für weitere Schwäche bei Risikoanlagen.

Die unmittelbare Auswirkung der US-Leitzinserhöhung auf die Aktien sei kontraintuitiv gewesen - US-Aktien hätten stark angezogen, wobei Wachstums- und Technologiewerte am stärksten zugelegt hätten. Dies könne darauf zurückgeführt werden, dass der Markt den Schritt erfolgreich eingepreist habe, nachdem die Erwartungen einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte am Vorabend der Sitzung von ca. 4% in der Vorwoche auf ca. 89% deutlich angestiegen seien.

Die Aktienmärkte hätten sich seit mehr als sechs Monaten auf die Aussicht auf höhere Zinsen und ein schwächeres Wachstum eingestellt, wobei sich die negativen Auswirkungen auf Wachstumswerte am deutlichsten gezeigt hätten. Das Zwölf-Monats-Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI World Index sei inzwischen von 19 (Herbst 2021) auf etwa 14,5x gefallen. Außerhalb des GFC und der anschließenden Krise in der Eurozone seien Aktien in diesem Jahrhundert noch nie dauerhaft unter dem 14fachen gehandelt worden.

Trotz der "Erleichterungsrally" am Mittwoch sei es noch zu früh, um zu sagen, dass diese Anpassung abgeschlossen sei - die rasche Neubewertung der Absichten der FED in der letzten Woche könnte noch eine weitere Kapitulation nach sich ziehen. Wahllose Verkäufe hätten jedoch einige Aktienkurse in den Bereich des "Überschießens" gebracht.

Aus Sicht der Experten seien die Marktbedingungen in vielerlei Hinsicht überverkauft (insbesondere im Hinblick auf Wachstums- und Mid-/Small-Cap-Aktien). Angesichts der schwierigeren Aussichten würden einige die Inflationswelle besser bewältigen als andere, und vor einem solchen Hintergrund ist eine Bottom-up-Aktienauswahl von entscheidender Bedeutung.

Keine dieser Unsicherheiten hinsichtlich der strukturellen Bewertung von Anleihen habe den Kreditmärkten geholfen, deren Preise sich jetzt in einem Extrembereich befinden würden, wie er zuletzt 2011 oder in der Liquiditätslücke zu Beginn der Covid-Krise zu beobachten gewesen sei. Die Kosten für Schulden würden steigen, und der Standard-Anleihefonds mit Investment-Grade-Rating rentiere inzwischen mit fast 5%. Der "Wert" sei eine der wichtigsten Triebfedern für das Investitionsdenken gewesen, und "Wert" gebe es derzeit reichlich, aber das werde auch weiterhin eine fieberhafte Einschätzung bleiben, bis es mehr Klarheit bei den Geldkosten gebe.

Was das gesamte Portfolio betreffe, so seien die Experten weiterhin von den Fundamentaldaten der Unternehmen, in die sie investieren würden, überzeugt. Die Volatilität eröffne große Chancen für längerfristige Renditen bei den Aktien, in die ihre nachhaltigen und Wachstumsfonds investieren. Ihre Einkommensstrategien würden sich mit ihrem bewährten Fokus auf Finanzkraft und Dividendenfähigkeit einmal mehr als relativ defensive Strategie erweisen. (20.06.2022/alc/a/a)