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Was die Italien-Wahl für die Kapitalmärkte bedeuten kann


23.09.22 13:00
Carmignac Gestion

Luxemburg (www.anleihencheck.de) - Am kommenden Sonntag 25. September 2022 finden in Italien Parlamentswahlen statt, so die Experten von Carmignac Gestion.

Es werde erwartet, dass Giorgia Meloni, Vorsitzende der rechtsgerichteten derzeitigen Oppositionspartei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens), die nächste Ministerpräsidentin des Landes werde und eine Mitte-Rechts-Koalition bestehend aus ihrer Fratelli d'Italia, der Lega Nord und Forza Italia bilde.

Kevin Thozet, Mitglied des Investmentkomitees bei Carmignac, analysiere die Auswirkungen dieses möglichen Ergebnisses:

Im Vorfeld der Wahlen sei die politische Haltung der voraussichtlichen künftigen italienischen Ministerpräsidentin eher wohlwollend gewesen. Die Agenda von Giorgia Meloni werde jedoch von den ernannten Ministern abhängen und davon, ob sie dem politischen Establishment Italiens oder einer euroskeptischen Basis angehören würden.

Die Fratelli d'Italia (Brüder Italien)s seien schon immer eine Oppositionspartei gewesen. Das werfe Fragen über ihre Fähigkeit auf, sich in den italienischen und europäischen Institutionen zurechtzufinden.

Das italienische Wirtschaftswachstum habe sich in diesem Sommer als widerstandsfähig erwiesen und das Land solle im Rahmen des Konjunkturprogramms der Europäischen Kommission insgesamt rund 200 Milliarden Euro erhalten - 20 Milliarden Euro in Tranchen, die im Abstand von sechs Monaten ausgezahlt würden. Die nächste Tranche sei bereits beantragt worden und stehe derzeit noch aus. Voraussetzung sei, dass Italien mehrere Vorgaben erfülle. Ebenfalls besonders von der Energiekrise betroffen, habe das Land vergleichsweise aktiv Maßnahmen ergriffen, um die Krise abzufedern.

Das amtierende Kabinett von Mario Draghi habe Anfang des Jahres den Haushalt 2023 vorbereitet, wobei das Defizit bei 3,9 des Bruttoinlandprodukts basierend auf einem Wachstum von 2 Prozent liegen solle. Außerdem seien die Auswirkungen der höheren Zinssätze noch nicht in vollem Umfang zu spüren.

Nach dem anfänglichen Aufschwung in Verbindung mit dem Anstieg der Steuereinnahmen bedeute die hohe Inflation auch eine bevorstehende Anpassung der Ausgaben und der Rentenindexierung. Auch das Wirtschaftswachstum werde sich abschwächen. In den kommenden Quartalen werde mit einer Rezession gerechnet. Allein auf dieser Grundlage dürfte das Defizit bei 5 Prozent liegen (gegenüber den veranschlagten 3,9 Prozent. Und dies zu einer Zeit, in der vom künftigen Kabinett erwartet werde, dass es seine fiskalischen Versprechen einhalte - einschließlich der kostspieligen Rentenreform und des einheitlichen Steuersatzes - und fiskalische Probleme ach einem teuren Jahr 2022 vermeide.

Darüber hinaus würden sowohl Marktteilnehmer als auch Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) davon ausgehen, dass die Geldpolitik in der Eurozone noch einige Zeit restriktiv bleiben werde. Vor diesem Hintergrund werde die Staatsverschuldung des Landes erneut auf den Prüfstand gestellt werden.

Die Finanzmärkte hätten sich auf Inflationssorgen konzentriert und die Zentralbanker würden die Geldpolitik einschränken, bis sie ihr Ziel erreicht hätten. Derweil steige die die Rezessionswahrscheinlichkeit schnell an.

Gegenwärtig scheinen negative Einschätzungen zu den wichtigen italienischen Anleihemärkten der Konsens zu sein, so Kevin Thozet. Ohne Tail-Risiko würden sich die italienischen Spreads innerhalb einer Spanne von 200 bis 250 Basispunkten entwickeln. Außerdem erweise sich die Umsetzung als kostspielig, da 10-jährige italienische Anleihen mehr als 4 Prozent abwerfen würden. Um die negativen Auswirkungen der anhaltenden Inflation, der geldpolitischen Normalisierung der EZB und des Vorziehens von Zinserhöhungen widerzuspiegeln, seien negative Positionen auf die Kernzinsen (und nicht auf die Peripheriezinsen) im derzeitigen Umfeld die bessere Alternative.

Der aktuelle Trend bei den italienischen Spreads könnte sich jedoch in den kommenden sechs Monaten vor dem Hintergrund einer möglichen Winterrationierung, eines geringen Wirtschaftswachstums und einer wachsameren Europäischen Kommission ändern. In diesem Umfeld dürften die Glaubwürdigkeit der EZB und ihr Transmissionsschutzinstrument auf die Probe gestellt werden.

Mögliche Alternativen zum Basisszenario eines Dreierbündnisses seien:

- Die Partei Movimento 5 Stelle (Fünf-Sterne-Bewegung) erziele vor allem im Süden ein besseres Ergebnis als erwartet und gefährde damit die Gesamtmehrheit. Ein solches Ergebnis würde angesichts der Ungewissheit, die mit einem notwendigen Neuverhandlungsprozess verbunden sei, wahrscheinlich mit einer erneuten Volatilität einhergehen.

- Die Fratelli d'Italia und Lega Nord hätten allein so viele Stimmen erhalten, dass sie auf eine Koalitionsaufforderung an die Forza Italia verzichten würden. Die Aussicht auf eine Koalition aus zwei der unorthodoxesten italienischen Parteien könnte von den Finanzmärkten ebenfalls als negativ angesehen werden. (23.09.2022/alc/a/a)