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Warten auf die Zinssenkungen


06.02.24 12:55
Columbia Threadneedle

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Markterwartungen für baldige Zinssenkungen haben seit dem Jahreswechsel einen Rückschlag nach dem anderen erlitten, so Steven Bell, Chefvolkswirt EMEA bei Columbia Threadneedle Investments.

Die Zentralbanker in den USA, im Vereinigten Königreich und in der Eurozone hätten sich immer wieder gegen die Markterwartungen einer baldigen Senkung ihrer Leitzinsen ausgesprochen. Noch deutlicher sei dies in der vergangenen Woche geworden, als der Chef der US-Zentralbank nach der Zinssitzung erklärt habe, eine Senkung im März sei "nicht das Ausgangsszenario". Wenige Tage später seien sehr gute US-Arbeitsmarktdaten gefolgt.

Das Ergebnis sei ein starker Anstieg der Zinserwartungen gewesen. Besonders deutlich und relevant sei dies im Vereinigten Königreich, wo die 2- und 5-Jahres-SWAP-Sätze, die die Hypothekenzinsen bestimmen würden, seit ihren Tiefständen kurz vor Weihnachten um 50 bzw. 40 Basispunkte gestiegen seien. Fairerweise müsse man sagen, dass sie von ihrem Höchststand im Juli letzten Jahres noch ein gutes Stück entfernt seien. Dennoch würden einige Kreditgeber wahrscheinlich ihre kürzlich vorgestellten Angebote für niedrige Hypothekenzinsen zurückziehen, während die Anleger versuchen würden, die Zinsen für ihre festverzinslichen Anleihen zu verbessern.

Was bedeute das für die längerfristigen Aussichten für die Zinssätze und die Finanzmärkte im Allgemeinen?

Die Einschätzung der Experten sei, dass die Zinssätze in den Industrieländern stark gesenkt würden, aber die Aussichten durch die wirtschaftliche Unsicherheit getrübt würden. Im Falle der alles entscheidenden US-Notenbank sei auch die Politik ins Spiel gekommen. Donald Trump habe den FED-Vorsitzenden Powell scharf kritisiert und ihm vor einigen Tagen vorgeworfen, eine Zinssenkung zu planen, um Präsident Biden bei der Wiederwahl zu helfen. Jerome Powell habe den ungewöhnlichen Schritt unternommen, im nationalen US-Fernsehen seinen Plan für eine Zinssenkung darzulegen. Er habe erklärt, dass eine Senkung im März zwar möglich sei, aber nicht das Szenario darstelle, von dem die FED ausgehe.

Die gute Nachricht sei, dass die Inflation im Jahresvergleich in den nächsten Monaten weiter sinken dürfte, was größtenteils auf günstige Basiseffekte zurückzuführen sei: Die erheblichen Preissteigerungen zu Beginn des Jahres 2023 würden insbesondere in den nächsten zwei Monaten aus dem Jahresvergleich herausfallen. Die Verlangsamung der Lohninflation dürfte es der FED ermöglichen, mit einer nachhaltigen Annäherung an die Zwei-Prozent-Marke ihre Ziele zu erreichen und die Zinssätze im Laufe des nächsten Jahres stark zu senken.

In Europa und im Vereinigten Königreich sei der politische Druck geringer, aber die wirtschaftliche Unsicherheit größer. EZB-Chefin Lagarde habe gesagt, sie sei "daten- und nicht datumsabhängig" und es sei "verfrüht", Zinssenkungen zu diskutieren. Für eine Zinssenkung im April seien eine deutliche Verlangsamung der gegenwärtigen Lohnentwicklungen und weitere Fortschritte bei der Inflation erforderlich. Das sei zwar eine Möglichkeit, aber da im Mai keine Sitzung stattfinde, sei der nächste Termin für eine Zinssenkung erst im Juni.

Die Bank of England warte bis auf Weiteres ab, wie sich die wirtschaftliche Situation entwickele. Sie wisse, dass eine Erhöhung des Mindestlohns um 10 Prozent bevorstehe, und sei sich darüber im Klaren, dass die Regierung im März einen Sparhaushalt ins Auge fassen werde. Auch sie müsse einen starken Rückgang der Lohninflation im Vereinigten Königreich sehen, um die Zinsen begründet senken zu können. Die Experten würden denken, dass sie eine der letzten Zentralbanken sein werde, die die Zinsen senke.

Alles in allem seien eine sinkende Inflation und sinkende Zinssätze gute Nachrichten für die Finanzmärkte insgesamt. Das Problem sei, dass bereits viel Optimismus eingepreist sei und die Zentralbanker sehr vorsichtig seien. (06.02.2024/alc/a/a)