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Wann werden die Zentralbanken die Zinserhöhungen pausieren?


02.11.22 14:50
Columbia Threadneedle

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Jede Woche kommentiert Steven Bell, Chefvolkswirt bei Columbia Threadneedle Investments für die EMEA-Region, das makroökonomische Umfeld und die Nachrichten, die die Märkte beherrschen.

Diese Woche beschäftige er sich mit einer für Zentralbankbeobachter wichtigen Woche. Die FED-Sitzung stehe am Mittwoch und die Bank of England-Sitzung am Donnerstag an. Es werde erwartet, dass beide die Leitzinsen um 75 Basispunkte anheben würden, nachdem die EZB letzte Woche einen ähnlichen Schritt unternommen habe.

2022 erleben wir den aggressivsten koordinierten Straffungsschritt der Zentralbanken seit Jahrzehnten, so die Experten von Columbia Threadneedle Investments. Es stelle sich die Frage: Wann werde das alles enden? Die Antwort laute: Wenn sie das Gefühl hätten, die Inflation im Griff zu haben, was wiederum von den jeweiligen Volkswirtschaften abhänge.

In den USA gebe es eine merkwürdige Kombination von Wirtschaftskräften. Wenn man nach Schwachstellen suche, finde man sie im BIP - dem umfassendsten Maß für die Wirtschaftstätigkeit. Zwar sei das BIP im dritten Quartal 2022 gewachsen, aber in den beiden vorherigen Quartalen sei die Wirtschaftskraft geschrumpft. Es gebe eine echte Rezession auf dem Immobilienmarkt, wo sowohl die Aktivität als auch die Preise einbrechen würden.

Die Konjunkturdaten seien rückläufig, was jedoch durch die Stärke des Arbeitsmarktes ausgeglichen werde. Dort würden alle Indikatoren auf eine angespannte Lage hinweisen. Niedrige Arbeitslosigkeit bedeute steigende Löhne und steigende Mieten - die beiden stärksten und hartnäckigsten Inflationsquellen in den USA. Am Freitag werde der Arbeitsmarktbericht für Oktober veröffentlicht. Solange dieser nicht negativ ausfalle, werde die US-Notenbank unter Druck stehen, die Zinsen weiter anzuheben.

Die Experten würden seit langem denken, dass eine Rezession erforderlich sei, um die Inflation in den USA zu senken. Das würde eine Verringerung der Gewinnspannen und einen Rückgang der Erträge mit sich bringen. Wir befinden uns in der Berichtssaison für das 3. Quartal, und das Gesamtbild zeigt, dass die Unternehmen bereits damit zu kämpfen haben, die Erwartungen der Analysten zu erfüllen, so die Experten von Columbia Threadneedle Investments. Die Gewinnaussichten seien nicht gut. Investoren würden mit enttäuschenden Updates rechnen.

Die deutsche Inflationsrate sei im Oktober auf 11,6% gestiegen und habe damit weit über den Erwartungen gelegen. Die Europäische Zentralbank sehe sich mit einer schwächelnden Wirtschaft und einer hohen Inflation konfrontiert - ein explosives Gemisch für eine Zentralbank.

In Großbritannien müsse die Bank of England (BoE) vor dem Hintergrund einer unsicheren Haushaltslage handeln. Die Experten würden davon ausgehen, dass sie es sich leicht machen und die Zinsen im Einklang mit dem Marktkonsens um 75 Basispunkte anheben werde. Die britische Wirtschaft habe bereits zu kämpfen, und der plötzliche Anstieg der Hypothekenzinsen werde die Kosten weiter anheizen. Die Zinsen würden niedrig bleiben, selbst wenn die BoE sie wie erwartet auf 3% anhebe, aber die Ära der ultraniedrigen Zinssätze sei vorbei. Und das verheiße nichts Gutes für den Wohnungsmarkt.

Die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und für Risikoanlagen seien schwierig. Die Aktienkurse seien bereits stark gefallen und die Investoren würden mit einer wirtschaftlichen Schwäche rechnen. Es könnte durchaus zu einem weiteren Ausverkauf von Risikoanlagen kommen, der sich bis ins Jahr 2023 fortsetze, aber das könnte eine Kaufgelegenheit sein. (02.11.2022/alc/a/a)