Wann könnte eine Leitzinserhöhungspause beginnen?


05.05.23 14:05
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank FED hat wie erwartet die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte angehoben und doch viele Anlegerinnen und Anleger enttäuscht, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.

Wer die konkrete Ankündigung einer Leitzinserhöhungspause erwartet habe, müsse sich mindestens bis zum nächsten Zinsentscheid Mitte Juni gedulden. Zwar habe die FED keinen weiteren Zinsschritt angekündigt, allerdings werde sie die kommenden geldpolitischen Beschlüsse wie bisher datenabhängig vornehmen - also auf Basis einer Analyse der in den kommenden Wochen erscheinenden Informationen zur wirtschaftlichen Entwicklung und Inflationsdynamik. Damit seien sowohl eine weitere Zinsanhebung als auch ein Aussetzen bzw. eine Unterbrechung des Zinserhöhungszyklus denkbar.

FED-Chef Powell habe den nach wie vor zu hohen Inflationsdruck betont und die Zielsetzung bekräftigt, die Teuerung auf das Niveau von 2 Prozent zurückzubringen. Zugleich habe er auf den nach wie vor sehr gut ausgelasteten Arbeitsmarkt als Indikator für eine anhaltend robuste wirtschaftliche Entwicklung verwiesen. Allerdings habe Powell auch erwähnt, dass die jüngsten Unsicherheiten im US-Bankensektor die Kreditvergabe der Banken einschränken und damit inflationsdämpfend wirken würden. Zudem sei unsicher, mit welcher Zeitverzögerung die bereits vorgenommene geldpolitische Straffung die Wirtschaft künftig noch abkühlen werde. Die Festlegung auf einen bestimmten Zinspfad mit einigen Wochen Vorlauf sei vor dem Hintergrund dieser Komplexitäten derzeit aus Sicht der FED nicht möglich. Zwar habe Powell klargestellt, dass das Bankensystem stabil sei, doch vollführe die FED eine Gratwanderung, bei der sie mit der Inflationsbekämpfung und der Sicherung der Finanzstabilität zwei teilweise konträre Zielsetzungen gleichzeitig erreichen müsse. Der nach wie vor vorhandene Stress im US-Bankensystem werde auch durch weiter sinkende Einlagen bei Kreditinstituten deutlich.

Die EZB habe ihre Leitzinsen ebenfalls um 0,25 Prozentpunkte angehoben, hätte mit einem größeren Zinsschritt aber ein klareres Signal geben können, dass sie weiterhin mit aller Kraft die gesamtwirtschaftliche Nachfrage dämpfen möchte, um den noch immer deutlich zu hohen Inflationsdruck zeitnah abzumildern. Angesichts der zuletzt wieder gestiegenen Inflationsraten in Italien, Spanien und Frankreich sowie der gerade erst einmal marginal gesunkenen Kerninflation in der Eurozone hätte sie die Argumente dafür auf ihrer Seite. Offensichtlich hätten aber die Tauben im EZB-Rat einen größeren Zinsschritt verhindert. Damit bleibe eine weitere Zinsanhebung um mindestens 0,25 Prozentpunkte im Juni wahrscheinlich. Durch die Entscheidung, die Wiederanlage der im Rahmen des APP-Programms erworbenen Wertpapiere ab Juli komplett zu stoppen, werde die noch immer reichlich vorhandene Überschussliquidität im Eurosystem etwas schneller als bisher (um durchschnittlich knapp 30 Mrd. Euro monatlich anstatt wie bisher 15 Mrd.) abgebaut. Zudem werde die in den letzten Jahren massiv ausgedehnte EZB-Bilanz über die Rückzahlungen der langfristigen Ausleihungen an Banken in der Eurozone (TLTRO) - die nicht verlängert würden - bis zum Sommer um mehr als 2 Billionen Euro reduziert.

Laut der aktuellem Bank Lending Survey der EZB hätten die Banken ihre Kreditvergabebedingungen auch im ersten Quartal weiter verschärft. Hintergrund seien gestiegene Refinanzierungskosten, eine geringere Risikobereitschaft sowie eine schlechtere Bonitätsbewertung der Kreditnehmer. Allerdings sei auch die Kreditnachfrage aus dem Unternehmenssektor deutlich rückläufig gewesen, vor allem wegen gestiegener Zinsen und abnehmenden Finanzierungsbedürfnissen für Anlageinvestitionen. Insgesamt sei damit die Entwicklung der Unternehmenskreditvolumina in der Eurozone seit Monaten rückläufig und dürfte die Konjunkturdynamik zusätzlich zur restriktiveren Geldpolitik belasten, allerdings auch den Inflationsdruck abmildern.

In Deutschland leide vor allem die Industrie derzeit unter einer schwachen globalen Exportnachfrage. Entsprechend schwach seien die gerade vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Daten zu Exporten (-5,2 Prozent im Vergleich zum Vormonat) und Importen (-6,4 Prozent) im März ausgefallen. Zudem seien die Auftragseingänge für das Verarbeitende Gewerbe im März deutlich um 10,7 Prozent im Vergleich zum Vormonat gefallen. Eine Ursache für die derzeit schwächelnde globale Industriedynamik sei, dass das überraschend positive Wirtschafswachstum Chinas im ersten Quartal vor allem im Dienstleistungsbereich erzeugt worden sei, während der Anteil der Industrieproduktion im Vergleich zu den Vorquartalen unterdurchschnittlich ausgefallen sei.

An den Aktienmärkten dürften in den kommenden Monaten positive Impulse von geldpolitischer Seite ausbleiben, denn es werde wohl weiterhin darüber spekuliert werden, wann eine Leitzinserhöhungspause - zunächst in den USA - beginnen könnte. Gleiches gelte für das Verhältnis von Euro und US-Dollar, das sich kaum nennenswert verändern dürfte, denn schon jetzt sei die allgemeine Erwartung, dass die EZB etwas länger als die USA die Leitzinsen erhöhen werde. Kurzfristige Rücksetzer könnten in den kommenden Wochen durch die noch offene Frage der Erhöhung des Staatsschuldenlimits in den USA und damit der nicht ganz auszuschließenden Möglichkeit eines Zahlungsausfalls der USA entstehen. Sofern aber keine zusätzlichen geopolitischen Eskalationen oder drastische Verschärfungen der Bankenkrise in den USA hinzukämen, bestehe derzeit kein allzu großes Abwärtsrisiko an den Aktienmärkten. Ein Indiz dafür sei, dass aktuell überwiegend diverse Belastungsfaktoren diskutiert würden, womit Chancen auf eine besser als erwartete Entwicklung unterrepräsentiert sein dürften. (05.05.2023/alc/a/a)





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