Erweiterte Funktionen

Wachsende Spannungen im EZB-Rat


02.09.22 13:27
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Falken um Bundesbankpräsident Joachim Nagel fordern eine kräftige Zinsanhebung bei der anstehenden Sitzung des EZB-Rats, so die Analysten der Helaba.

Die Erwartungen an den Märkten hätten daraufhin deutlich angezogen. Einige Investoren würden sogar auf einen Zinsschritt von 75 Basispunkten spekulieren. Die Analysten hätten ihre Prognosen, die nach dem 50er Schritt im Juli einen kontinuierlichen Zinserhöhungszyklus um 25 Basispunkte vorsehen würden, gleichwohl nicht angepasst. Zwar habe sich die Wahrscheinlichkeit eines größeren Zinsschritts durch den jüngsten Inflationsanstieg erhöht. Allerdings drehe sich in diesem politischen und ökonomischen Sturm immer wieder schnell die Windrichtung. Die extreme Schwankungsanfälligkeit zeige sich u. a. auch am Rentenmarkt. Habe die Rendite zehnjähriger Bunds Anfang August noch bei 0,7% gelegen, so habe sie zuletzt bei 1,6% notiert, nicht mehr weit weg von den Top-Niveaus vom Juni.

Die Falken im EZB-Rat hätten zuletzt den Eindruck erweckt, dass sie sogar eine Rezession in Kauf nehmen würden, um die Inflationserwartungen einzudämmen. Neben der Rekordinflation dürfte von ihnen auch der angeschlagene Euro ins Feld geführt werden. Allerdings würden die geldpolitischen Tauben mit Nachdruck auf die Risiken eines beschleunigten Zinserhöhungskurses hinweisen und sich wahrscheinlich entschieden dagegenstemmen. Ihre Argumentation könnte dabei so sein: Die Bürger im Euroraum würden nach der nervenzehrenden Pandemie, dem Kriegsausbruch in der Ukraine mit der Energiekrise gerade den dritten Schock innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums erleben. Komme jetzt noch eine tiefe Rezession und die Sorge um den Arbeitsplatz hinzu, würde sich die Situation nochmals extrem zuspitzen.

So notwendig aus Sicht der Falken das schnelle Zurückdrängen der Inflation sei, so schwierig sei derzeit aber das Umfeld für drastische Schritte. Immerhin befinde sich Europa quasi in einem ökomischen Abnutzungskrieg mit Russland. Aus dieser Perspektive sollte einerseits alles unterlassen werden, was die eigene Wirtschaft kurzfristig weiter schwäche. Andererseits habe die anhaltend hohe Inflation das Potenzial, die Wirtschaft langfristig zu destabilisieren. Angesichts dieses Dilemmas dürften die Meinungen im Rat diesmal stärker auseinandergehen als sonst. Es sei daher nicht auszuschließen, dass es sogar zu einer Kampfabstimmung mit einer knappen Entscheidung komme.

Während die jüngsten Inflations-Charts ernüchternd aussehen würden und die Spitze beim Verbraucherpreisanstieg wohl noch nicht erreicht sei, würden zumindest die Inflationserwartungen der Anleger etwas Anlass zur Hoffnung geben. Immerhin liege der Wert auf Basis von Derivaten bei 2,15%. Im Mai habe er noch bei 2,5% notiert.

Neben der Frage, wie schnell die Leitzinsen angehoben würden, rücke die noch spannendere Frage in den Vordergrund, welches Niveau die EZB letztlich anstrebe. Nach dem niederländischen Notenbankchefs Klaas Knot sollte die Europäische Zentralbank bereits in diesem Jahr ein neutrales Niveau zwischen einem und zwei Prozent anstreben. Die Analysten würden bislang davon ausgehen, dass die EZB mit ihren Zinsanhebungen bis Mitte 2023 im Bereich von 1,5% beim Einlagensatz und 2% beim Hauptrefinanzierungssatz zum Stehen komme. (02.09.2022/alc/a/a)