Volkswirtschaft: Im Bann steigender Zinsen und hoher Inflation


09.11.22 09:14
Postbank Research

Bonn (www.anleihencheck.de) - Schlechter Start in den November: Die jüngste Erholung an den globalen Aktienmärkten hat im Anschluss an die turnusmäßige Sitzung der US-Notenbank Federal Reserve (FED) ein jähes Ende gefunden, so die Analysten von Postbank Research in der aktuellen Ausgabe von "Kapitalmarktausblick".

FED-Chef Jerome Powell habe klargestellt, dass der Leitzins wohl weiter angehoben werden müsste als zunächst gedacht. Besonders zinssensible Aktienindices wie der NASDAQ 100 hätten ihre Korrektur fortgesetzt. Infolge des angepassten Zinsausblicks habe die US-Technologiebörse nahe ihres Jahrestiefstand notiert. Zwar würden die Marktteilnehmer aktuell erwarten, dass die FED im Dezember ihre Leitzinsen nur noch um 50 statt erneut um 75 Basispunkte anheben werde, - dies könnte sich allerdings auch schnell wieder ändern: Sollten Daten zum Arbeitsmarkt oder insbesondere die Inflationsrate negativ überraschen, dürfte auch die Wahrscheinlichkeit für einen erneut "außergewöhnlich kräftigen" Leitzinsschritt wieder steigen.

Tatsächlich erweise sich der US-Arbeitsmarkt als sehr widerstandfähig. So seien im Oktober außerhalb des Agrarsektors 261.000 neue Stellen geschaffen worden. Das seien weniger als im September gewesen, erwartet worden seien aber nur 200.000. Die Arbeitslosenquote sei zwar etwas überraschend von 3,5% auf 3,7% geklettert, gleichzeitig habe sich aber die Lohndynamik beschleunigt. Die durchschnittlichen Stundenlöhne hätten um 0,4% gegenüber dem Vormonat stärker zugelegt als prognostiziert (0,3%).

Der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor in den USA habe im Oktober hingegen kräftiger nachgegeben als erwartet. Das Stimmungsbarometer signalisiere mit 54,4 Punkten aber immer noch eine Ausweitung der wirtschaftlichen Tätigkeit. Der Schwellenwert betrage 50 Punkte. Wichtiger aber unter Inflationsgesichtspunkten sei die Preiskomponente des Index. Die sei nach fünf Monaten mit Rückgängen in Folge im Oktober nun um 2,0 auf 70,7 Punkte gestiegen - ein Indiz dafür, dass vor allem die Kerninflationsrate weiter erhöht bleiben könnte. Im September habe die Rate mit einem Plus von 6,6% statt der prognostizierten 6,3% ein 40-Jahreshoch erklommen.

Noch schwieriger erscheine die Lage in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Dort habe sich einer ersten Schätzung zufolge die Verbraucherpreisinflation im Oktober auf den Rekordwert von 10,7% beschleunigt. Auch die Kerninflationsrate habe mit 5% gegenüber dem Vorjahr ein Allzeithoch verzeichnet. Die anschließende Reaktion an den Staatsanleihemärkten sei programmiert gewesen: Die Renditen hätten wieder moderat angezogen, obwohl zuvor der Rat der Europäischen Zentralbank vorsichtigere Schritte bei den kommenden Zinsentscheidungen angedeutet habe. Für den weiteren Leitzinspfad dürfte entscheidend sein, ob die Verbraucherpreisinflation im November gegenüber Vorjahr erneut höher liege oder ob die Spitze des Preisdrucks inzwischen erreicht worden sei.

Unterdessen sei die Arbeitslosenquote in der Eurozone von 6,7% im August auf 6,6% im September gesunken. Unter den größeren Mitgliedsstaaten in der Eurozone sei die Arbeitslosigkeit in Frankreich mit rund 60.000 Menschen am stärksten zurückgegangen, während sie in Deutschland, Italien und Spanien nahezu unverändert geblieben sei. Spanien verzeichne weiterhin mit 12,7% eine Arbeitslosenquote, die über dem Niveau anderer EU-Länder liege. Die Gemeinschaftswährung habe zuletzt gegenüber der US-Währung wieder an Boden verloren und unterhalb der Marke von 0,98 Euro je US-Dollar notiert. Unter anderem habe die Aussicht auf einen höher als zuvor erwarteten Ziel-Leitzins in den USA den Greenback gestützt. (Ausgabe November 2022) (09.11.2022/alc/a/a)