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Unternehmensanleihen bieten wieder gute Renditechancen - Vorsicht bei Staatsanleihen


20.01.23 10:50
ODDO BHF

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das vergangene Jahr wurde von den meisten Beobachtern als historisch empfunden, so Laurent Denize, Global Co-CIO von ODDO BHF.

Mit dem Krieg in der Ukraine, der kräftig anziehenden Inflation, dem raschen Abschied von der Ära des billigen Geldes und dem Energieschock habe es einen ganzen Strauß an belastenden Faktoren für die Anleger gegeben. An den Kapitalmärkten hätten Aktien mit einem Verlust von durchschnittlich 15 Prozent zwar schwach abgeschnitten, es sei aber gemessen an anderen Börsencrashs der jüngeren Vergangenheit - außer für überbewertete Tech-Werte - keine Katastrophe gewesen. Anleiheinvestoren hingegen hätten einen perfekten Sturm mit Verlusten von mehr als 17 Prozent z.B. bei europäischen Staatsanleihen erlebt. Dies habe viele, die sich in einem vermeintlich sicheren Hafen gewähnt hätten, doch sehr unerwartet getroffen. Liege das Schlimmste nun hinter uns?

Zunächst einmal werden die Themen von 2022 uns - wenn auch in abnehmender Stärke - im neuen Jahr weiter beschäftigen, so die Experten von ODDO BHF Asset Management. Die Inflation werde in den USA schneller sinken als in Europa. Die Kerninflationsraten (ohne Energie- und Lebensmittelpreise) würden entscheidend für den weiteren Lauf der Dinge sein. Nur wenn auch diese Inflationskennzahl falle, werde es den Notenbanken möglich sein, von ihrem restriktiven Kurs abzurücken. Wie sensibel die Märkte auf die Geldpolitik reagieren würden, habe sich im Dezember in der Reaktion auf einen als zu harsch empfundenen Ton rund um eine ansonsten wie erwartet ausfallende Zinserhöhung gezeigt. Die plötzliche Abkehr Chinas von der Null-Covid-Politik berge angesichts hoher Infektionszahlen Risiken für die Lieferketten, könnte aber auch im Laufe des Jahres einen Wachstums- und leider auch einen Kostenschub in einem rezessiven Umfeld auslösen. Mit diesen Unwägbarkeiten werden wir vorerst weiter leben müssen, weswegen viele Anleger eine weiter abwartende Haltung einnehmen, so die Experten von ODDO BHF Asset Management.

Aus Bewertungssicht hätten Anleihen die Nase vorn. Seit mehreren Monaten seien die Kurzfristzinsen höher als die langfristigen Zinsen, was in der Regel als Signal für eine bevorstehende Rezession gewertet werde. Zwar habe sich diese Kurveninversion zuletzt teilweise korrigiert. Dennoch würden die Anleger immer noch erwarten, dass ein schwieriges Konjunkturumfeld die FED zu ersten Zinssenkungen noch in diesem Jahr veranlassen könnte. Die Experten von ODDO BHF Asset Management würden nicht glauben, dass diese Wette aufgehen werde. Während bei Staatsanleihen weiterhin Vorsicht geboten sei, würden Unternehmensanleihen wieder gute Renditechancen bieten. Trotz der jüngsten Spread-Einengung lägen die Renditen auf historischen Höchstständen und würden somit einen Puffer für den Fall weiterer, auch unerwarteter Zinserhöhungen bieten.

Emittenten im Investment Grade Segment würden über ausreichend Liquidität verfügen, um auch schwierigeren Phasen zu trotzen. Auch Aktien seien jetzt attraktiver bewertet. Noch sei die Korrektur nicht ausreichend stark genug gewesen, um alle Überbewertungen abzubauen. Insbesondere in den USA seien die Risikoprämien nicht allzu üppig. Europa scheine hingegen für eine Phase weiter steigender Zinsen besser gerüstet. Bei den Währungen könnte die divergierende Geldpolitik auf beiden Seiten des Atlantiks dem Höhenflug des Dollar ein Ende setzen.

Nach Einschätzung der Experten von ODDO BHF Asset Management sollte der Fokus zunächst auf Anleihen gelegt werden, um in einem zweiten Schritt im späteren Jahresverlauf die Aktienquoten zu erhöhen. Dabei würden die Experten die folgenden Prioritäten setzen:

Renten: Sowohl Investment Grade- als auch High Yield-Anleihen würden nach Erachten der Experten von ODDO BHF Asset Management interessante Einstiegsmöglichkeiten bieten. Angesichts des attraktiven Rendite-Risiko-Profils sei der Favorit der Experten das Euro High Yield-Segment, in dem selbst in extremen Negativszenarien noch positive Renditen möglich seien.

Aktien: Ausgehend vom ODDO BHF-Basisszenario einer moderaten Rezession in Europa und einer globalen Wachstumsabschwächung würden europäische Aktien, insbesondere die weiterhin stark unterbewerteten Value-Aktien, Kurspotenzial bieten. Europäische Banken, die von steigenden Zinsen profitieren würden, würden ebenfalls mit einem Abschlag gehandelt, der sich nicht allein durch ihre im Vergleich zu US-Instituten schwächere Profitabilität rechtfertigen lasse. US-Tech-Werte hätten mittlerweile deutlich abgewertet. Anleger, die an die Zukunft der Digitalisierung glauben würden (und wer tue das nicht), fänden nun in Bereichen wie Zahlungsverkehr und Finanzdienstleistungen, E-Commerce oder KI/Cloud Computing marktführende Unternehmen zu Preisen, wie sie schon lange nicht zu beobachten gewesen seien. Bei den Nebenwerten, die zuletzt etwas zurückgefallen seien, gelte es, zunächst abzuwarten, bis die Zinsen ihren Höhepunkt erreichen würden. An den Schwellenmärkten seien Bewertungen und Makro-Daten selten so günstig gewesen.

Der Schock von 2022 halle auch im neuen Jahr nach. Die vor uns liegende neue Ära lässt auf sich warten und erfordert Geduld, so die Experten von ODDO BHF Asset Management. Für eine signifikante Neupositionierung müsste die Inflation ihren Zenit erreichen und das Ende des Zinserhöhungszyklus in Sicht sein. Es bedürfte zudem einer Stabilisierung der Renditekurve. Ebenso müssten zentrale Marktindikatoren ihren Tiefstand gesehen haben. Negative Überraschungen im Hinblick auf Inflation und Geldpolitik seien nicht auszuschließen. Insgesamt aber werden wir uns im Verlauf des neuen Jahres mehr auf die Anlagechancen denn auf die Anlagerisiken konzentrieren können, so die Experten von ODDO BHF Asset Management. (Ausgabe vom 13.01.2023) (20.01.2023/alc/a/a)