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US-Zwischenwahlen treiben Renditen zunächst nach unten


11.11.22 09:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der Staatsanleihen sind in Reaktion auf die US-Zwischenwahlen (08.11.) gefallen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Anleger hätten sich wohl mehrheitlich eine eindeutige Mehrheit der Republikaner gewünscht. Zehnjährige T-Notes würden jetzt bei 4,10% rentieren, nachdem sie am Wahlmorgen noch bei 4,23% gelegen hätten. Bunds mit der gleichen Laufzeit würden derzeit bei 2,17% rentieren. Begleitet worden sei diese Abwärtsbewegung von deutlich fallenden US-Aktienkursen, die wiederum - neben den Zwischenwahlen - auch von schweren Turbulenzen im Kryptomarkt ausgelöst worden seien. So sei die Kryptobörse FTX in schweres Fahrwasser geraten, nachdem Investoren dort verwahrte Kryptowerte abgezogen hätten. Eine vermeintliche Rettungsaktion durch die weltweit größte Kryptobörse Binance sei gescheitert und einige Beobachter würden von einem Lehman-Moment sprechen. Die massiven Probleme der FTX-Börse, die mit dem dezentralen Ansatz von DeFi (Decentralized Finance) nichts zu tun habe, würden vor allem eines zeigen: Zentralisiert und unreguliert sei eine sehr ungesunde Mischung und als Anleger sei man gut beraten, sich diese Geschäftsmodelle mit viel Misstrauen anzuschauen.

Die Renten- und Aktienmärkte seien vermutlich auch durch die Meldung bewegt worden, dass die chinesische 15-Millionen-Stadt Ghuangzhou ihre Menschen in vier von elf Bezirken wieder in den Lockdown geschickt habe.

Der mittelfristige Einfluss der US-Zwischenwahlen auf die Rentenmärkte sei derzeit noch nicht klar, vor allem weil sie noch nicht entschieden sei. So müsse der Kampf um den Senatsposten in Georgia Anfang Dezember per Stichwahl ausgetragen werden, da nach der besonderen Gesetzgebung in diesem Bundesstaat eine einfache Mehrheit im ersten Wahlgang - der demokratische Kandidat liege mit 49,2% der Stimmen vorne - nicht reiche. Nach dem jetzigen Stand der Dinge werde das darüber bestimmen, ob die Republikaner im Senat die Mehrheit bekommen würden. Das Abgeordnetenhaus scheine an die Republikaner zu gehen, aber die Mehrheit könnte knapper ausfallen als erwartet. Was die Gouverneurswahlen angehe - in 36 Bundesstaaten seien neue Regierungschefs gewählt worden -, sei der Republikaner und Trump-Konkurrent De Santis in Florida mit 60% der Stimmen gewählt worden, er werde als Präsidentschaftskandidat für 2024 gehandelt. Für Trump sei der Sieg von De Santis eine Niederlage, zumal die von ihm unterstützten Gouverneure in anderen Bundesstaaten, insbesondere Pennsylvania, in vielen Fällen verloren hätten. Kurzum, der Untergang der amerikanischen Demokratie sei jetzt wieder etwas unwahrscheinlicher geworden, große Reformen und Handlungsfähigkeit sei in den nächsten zwei Jahren von den USA aber auch nicht zu erwarten.

Kurzfristig dürften andere Themen an den Finanzmärkten wieder in den Vordergrund rücken. So habe das Technologieunternehmen Meta angekündigt, 11.000 Beschäftigte bzw. 13% seiner Belegschaft zu entlassen. Die Frage sei, ob die Entlassungen im Tech-Sektor den US-Arbeitsmarkt insgesamt schwächen würden und Folgen für die Zinspolitik der FED hätten. Es sei durchaus möglich, dass hier ein Wendepunkt eingeleitet worden sei, aber auf die USA insgesamt bezogen dürfte der Beschäftigungsabbau eher moderat ausfallen, weil auch in den USA ein struktureller Arbeitskräftemangel herrsche, ähnlich wie in der Eurozone. D.h. die FED werde sich zunächst nicht von weiteren Zinsanhebungen abbringen lassen.

Gestern habe der Sachverständigenrat sein Wirtschaftsgutachten für Deutschland veröffentlicht. Demnach werde Deutschlands BIP im nächsten Jahr per Saldo unverändert bleiben, was mit einer Rezession im vierten Quartal 2022 und dem ersten Quartal 2023 einhergehe. Die durchschnittliche Inflation werde von 8,6% in diesem Jahr auf 7,9% im nächsten Jahr fallen, ähnlich sehe das der Rat für die Eurozone. Wenn es so komme, werde die EZB wohl noch eine Weile an der Zinsschraube drehen müssen. Insgesamt seien dies keine überraschenden Aussichten. Die Empfehlung des Rats, auf den Ausgleich der kalten Progression durch Steuersenkungen zu verzichten, da dies die Inflation anheizen könne, werde bei einem Teil der Regierungskoalition ungehört verhallen und recht sicher nicht umgesetzt werden.

In den kommenden Tagen sei auf den G20-Gipfel in Bali zu achten (15./16.11.), bei dem die Präsidenten Joe Biden und Xi Jinping miteinander sprechen könnten. Präsident Putin werde offensichtlich nicht anreisen, aber sich möglicherweise zu dem Gipfel dazuschalten.

Datenseitig sei neben den heutigen US-Inflationszahlen (Oktober) auf die Industrieproduktion und die Einzelhandelsumsätze der Vereinigten Staaten zu schauen (16.11., beides für Oktober). Beachten sollte man auch, wie hoch die Orderbestände der deutschen Industrie bleiben (17.11., für September), da sie dafür sorgen würden, dass die Industrie auch bei rückläufigen Ordereingängen noch einige Monate genug zu tun habe. (Ausgabe vom 10.11.2022) (11.11.2022/alc/a/a)