US-Leitzinsen könnten auf über 5 Prozent steigen


04.11.22 12:19
BlueBay Asset Management

London (www.anleihencheck.de) - Die Renditen von US-Staatsanleihen stiegen im Anschluss an die Sitzung der US-Notenbank Federal Reserve (FED) in dieser Woche an, so Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay Asset Management.

FED-Chef Jerome Powell habe die Hoffnungen auf einen Wechsel zu einer weniger restriktiven Haltung gedämpft. Die eingehenden Arbeitsmarktdaten seien weiterhin relativ robust gewesen und obwohl sich die Anzeichen für eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums verdichten würden, sei die Inflation nach wie vor zu hoch. Die stabile Nachfrage nach Arbeitskräften könnte sie im Falle steigender Löhne noch verstärken.

Vor diesem Hintergrund werde der heutige US-Arbeitsmarktbericht genau beobachtet werden. Als Anhaltspunkt gelte: Ein durchschnittlicher Zuwachs von rund 70.000 Stellen sei erforderlich, damit der Arbeitsmarkt im Gleichgewicht sei und die Arbeitslosigkeit stabil bleibe. Damit der Offenmarktausschuss der FED das Tempo der Zinserhöhungen im Dezember von 75 auf 50 Basispunkte reduziere, müsste sich nach Meinung der Experten zeigen, dass der Drei-Monats-Durchschnitt der Stellenzuwächse von einem derzeit doppelt so hohen Niveau auf unter 150.000 pro Monat falle.

Die zinssensiblen Wirtschaftssektoren hätten sich abgekühlt und der ISM-Einkaufsmanagerindex habe diese Woche gezeigt, dass auch der Druck auf die Güterpreise nachgelassen zu haben scheine. Die Inflation der Dienstleistungspreise könnte sich ebenfalls bald abschwächen: Die Mieten würden sich beruhigen und die Aussichten auf eine geringere Teuerung im Gesundheitssektor dürften in den kommenden Monaten in den Daten sichtbar werden. Die Kerninflation bleibe jedoch auf dem höchsten Stand im Zyklus und der Lohndruck berge das Risiko von Zweitrundeneffekten.

Es sei daher verständlich, dass die FED bereit sei, die Zinsen eher zu lange auf einem zu hohen Niveau zu halten, anstatt zu riskieren, den Zinserhöhungszyklus zu früh zu beenden und eine erneute Beschleunigung der Inflation zu riskieren. Es scheine, als würden die US-Währungshüter die Zinsen bis zum Ende des ersten Quartals 2023 auf über 5 Prozent anheben. Solange die Daten keinen nachlassenden Beschäftigungs- und Preisdruck zeigen würden, sei eine genaue Prognose zum Höhepunkt der Zinsen aber schwierig.

In Großbritannien habe die Bank of England (BoE) in dieser Woche die Zinsen ebenfalls um 75 Basispunkte angehoben und den Leitzins damit auf 3 Prozent erhöht. Im Gegensatz zur Situation in den USA sei das konjunkturelle Umfeld im Vereinigten Königreich sehr viel ernüchternder: Die BoE rechne je nach Entwicklung von Inflation und Zinssätzen mit einer Rezession über fünf oder mehr Quartale.

Die Experten würden im Pfund weiterhin untergewichtet bleiben und mittelfristig eine unterdurchschnittliche Performance der britischen Währung sehen, da die Wirtschaft im Vergleich zu ihren Mitbewerbern zu kämpfen habe.

Es werde erwartet, dass Premierminister Rishi Sunak noch in diesem Monat einen relativ restriktiven Haushalt vorlegen werde. Dies könnte zur Stabilisierung der Renditen britischer Staatsanleihen beitragen. Die Rahmenbedingungen im Vereinigten Königreich seien derzeit jedoch durch schwaches Wachstum, hohe Inflation und höhere Steuern gekennzeichnet. In einem von Stagflation geprägten Umfeld gebe es nicht viel zu lachen. Letztendlich würden die Experten aber denken, dass das Land die Kurve kriegen werde.

Anleger würden nach Meinung der Experten weiterhin Geduld brauchen. Die Versuchung sei groß, auf eine geldpolitische Wende in den USA und eine Rallye bei Risikoanlagen zum Jahresende zu setzen. Die Barbestände der Investoren seien relativ hoch. Angesichts der schlechten Stimmung dürfte es nicht viel brauchen, um für eine positive Überraschung zu sorgen.

Hoffnung an sich sei jedoch keine Anlagestrategie. Die Experten würden es daher für sinnvoll halten, die Daten sorgfältig zu beobachten. Da die Märkte weiterhin volatil seien, müssten sie vielleicht nicht allzu lange warten, bevor sie eine weniger vorsichtige Haltung einnehmen könnten. (04.11.2022/alc/a/a)