US-Inflation: Wie konnte es so weit kommen?


04.11.22 10:49
LYNX Broker

Berlin (www.anleihencheck.de) - In den vergangenen 25 Jahren hat die US-Notenbank zwei gravierende Fehler gemacht, so Sascha Sadowski, Marktexperte beim Online-Broker LYNX.

Der erste habe im Jahr 2008 zu einer globalen Finanzkrise geführt. Der zweite liege noch nicht lange zurück und könnte die USA in eine langanhaltende Rezession führen. Powells Beharren darauf, dass die steigende Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen sei und sich wieder beruhigen würde, sobald die Wirtschaft nach der Pandemie wieder vollständig öffne, habe sich als falsch herausgestellt.

"Tatsache ist, dass die FED die Stärke des Arbeitsmarktes und die Dauer der Preisschocks, die durch die Pandemie ausgelöst wurden, unterschätzt hat und somit zunächst nicht gewillt war, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Preissteigerungen im Keim zu ersticken. Diese Untätigkeit rächt sich jetzt", erkläre Sascha Sadowski.

In den 1970er Jahren, als die Inflation zuletzt derart hoch gewesen sei, habe es eine ähnliche Situation gegeben: Der Vorsitzende der FED Arthur Burns sei angesichts von politischem Druck lange Zeit untätig geblieben und die Preise seien immer weiter gestiegen. Am Ende habe erst Paul Volcker die Inflation mit einem extremen Kurs eingedämmt, doch der Schaden hätte sich durch früheres Eingreifen vielleicht minimieren lassen. Wie nun Jerome Powell späteren Generationen in Erinnerung bleiben werde, hänge für Sadowski maßgeblich davon ab, ob er die Inflation in den Griff bekomme, ohne die USA in eine tiefe Rezession zu stürzen - und dafür sollte er sich der Fehler bewusst sein, die zur heutigen Situation beigetragen hätten.

Für Sadowski seien dabei auch die neuen Richtlinien zu nennen, die die FED im August 2020 verkündet habe. Mit ihnen sollte die FED besser auf Veränderungen reagieren können. "Das klingt erstmal positiv, vor allem, nachdem man zu dieser Zeit langsam den ersten Schock der Corona-Pandemie verdaut hatte und die Wirtschaft langsam wieder öffnete. Das Problem ist nur, dass die Fed an dieser neuen Richtlinie bereits mehrere Jahre gearbeitet hatte und sie auf die niedrige Inflationsrate zugeschnitten war, die zuvor rund 20 Jahre lang die Regel war. Daher gab sie vor, die Zinsen nicht bei den ersten Anzeichen steigender Preise zu erhöhen, sondern erst einmal abzuwarten. Das Ergebnis ist nun jedoch, dass die Fed mit ihren Maßnahmen der Realität hinterherhinkt", erkläre der Experte.

Ein weiterer Faktor, der dazu beigetragen habe, dass die FED zunächst zögerlich agiert habe, dürfte die Skepsis ihrer Führungsriege gegenüber Vorhersagen sein. "Natürlich treffen Modellrechnungen nicht immer ein und in besonderen Situationen wie den vergangenen beiden Pandemie-Jahren und dem Ausbruch des Krieges sind Daten der Vergangenheit weniger aussagekräftig als unter normalen Bedingungen. Daher wollte die Fed lieber auf tatsächliche Entwicklungen reagieren, als sich auf Vorhersagen zu verlassen. Das hat sich jedoch als Fehler erwiesen, denn Prävention ist fast immer sinnvoller als Reaktion."

Auch den Umgang mit Forward Guidance sehe Sadowski als einen Faktor an, der die Inflation in die Höhe getrieben habe, insbesondere in zwei Fällen aus dem Jahr 2020. "Fast seit Beginn der Pandemie kaufte die Fed jeden Monat Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere im Wert von 120 Milliarden US-Dollar, um die Märkte und die Wirtschaft zu stützen und die Zinsen niedrig zu halten. Als Teil ihrer Forward Guidance wollte die Fed erklären, unter welchen Bedingungen die Anleihekäufe enden und die erste Zinserhöhung in Betracht gezogen werden könnte. Der Markt nahm daher an, dass das Ende der Anleihenkäufe Voraussetzung sei, um die Zinsen zu erhöhen. Solange die Fed weiter kaufte, würden also auch die Zinsen niedrig bleiben", so Sadowski.

"Im zweiten Fall führte die FED aus, dass sie den Leitzins so lange nicht erhöhen würde, bis der Arbeitsmarkt auf dem Weg zur Vollbeschäftigung sei und die Inflation einige Zeit über dem Zielwert von zwei Prozent liege. Wenige Monate später bekräftigte die FED diese Einschätzung erneut, wodurch der Markt frühestens 2022 mit einer Zinserhöhung rechnete. Was die FED dabei nicht bedacht hatte, war, dass sich die Wirtschaft 2021 sehr schnell veränderte und sogar Powell muss mittlerweile zugeben, dass in diesem Fall die Forward Guidance zu wenig Flexibilität ließ."

Doch für sich genommen, hätten all diese Faktoren im Einflussbereich der FED keine Inflation historischen Ausmaßes bewirken können. "Entscheidend waren dabei die Entwicklungen der letzten beiden Jahre: Die unterbrochenen Lieferketten in und nach der Pandemie, die schnelle Erholung der US-Wirtschaft nach dem Ende des Lockdowns, die immer neuen Stimulus-Pakete der Regierung und natürlich der Krieg in der Ukraine und der damit verbundene Anstieg der Energiepreise. All das sind Faktoren, auf die die FED keinerlei Einfluss ausüben kann. Hätte sie jedoch früher angemessen reagiert und auf die Prognosen gehört, wäre uns vielleicht das Rekordhoch erspart geblieben." (04.11.2022/alc/a/a)