Erweiterte Funktionen

Die US-Geldpolitik und der Dollar


01.11.22 08:42
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Noch spiegeln die US-Preisdaten die in den kommenden Monaten erhoffte Entspannung und eine sukzessive disinflationäre Entwicklung kaum wider, so die Analysten der Nord LB.

So sei es im September nochmals zu einem deutlichen Anstieg der Konsumentenpreise um 0,4% M/M gekommen. Damit korrespondiere eine Jahresrate von 8,2%. Seit dem Hochpunkt im Juni (bei 9,1% Y/Y) seien zwar durchaus sukzessiv, moderate Rückgänge in der Jahresrate zu verzeichnen, doch die Kernrate habe um signifikantere 0,6% M/M angezogen, was die Jahresrate dieser für die Federal Reserve wichtigen Zeitreihe auf nunmehr 6,6% habe steigen lassen - ein neuerliches 40-Jahreshoch.

Ernüchternd bleibe insgesamt betrachtet, dass in den vergangenen drei Monaten im Grunde hauptsächlich bei den Energiepreisen eine stärkere Entlastung für die Verbraucher zu beobachten gewesen sei. Gut erkennbar sei dies an den Zapfsäulen gewesen: Während im Juni noch ein Preis 5 US-Dollar pro Gallone für die "Freiheit per Auto" habe bezahlt werden müssen, rutsche dieser zuletzt sogar auf zeitweise unter 3,90 US-Dollar. Letztlich beschränke sich der weniger deutliche Anstieg der Inflationsrate fast ausschließlich auf die Bereiche Transport und Energie.

Andere bekannte Faktoren würden preistreibend bleiben: Unverändert würden fehlende Fachkräfte und dadurch notwendigerweise höhere Löhne sowie die ausgeprägte Nachfrage nach Rohstoffen und (nur leicht rückläufige) Engpässe wichtiger Inputprodukte zu einem massiven Preisdruck beitragen. So seien auch deutlichere Preisanstiege im Dienstleistungsbereich zu verzeichnen gewesen. Zusätzlich hätten die in den vergangenen Jahren deutlich gestiegenen Immobilienpreise und Einkommen die Mieten höher getrieben. Diese Trends hätten im September angehalten.

An dieser Stelle scheine es nach den - rückwirkend betrachtet allseits falschen - Prognosen von vor einem Jahr auf nur "vorrübergehende" erhöhende Effekte bei der Inflationsentwicklung beinahe wie ein "Wunschdenken", aber es gebe durchaus Signale in die Richtung eines baldigen Rückgangs der Inflation. Erstens würden sich - statistisch gesehen - in den kommenden Monaten entlastende Basiseffekte bemerkbar machen. Zweitens - nun fundamental - würden Indikatoren auf dem Immobilienmarkt eine deutliche Abkühlung andeuten.

Der NAHB- Index lasse demnach erwarten, dass die US-Hauspreise deutlich weniger stark anziehen (und perspektivisch sogar fallen) würden. Diese Entwicklung dürfte dann zeitverzögert dämpfend auf die Mieten und die CPI-Komponente Shelter wirken, welche einen hohen Anteil in diesem Preisindex habe. Der Zillow-Mietenindex deute darauf bereits jetzt hin. Drittens scheinen sich die Lieferkettenengpässe langsam - aber sicher - abzubauen. Das würden mittlerweile die Komponenten (Auslieferungen, nicht abgearbeitete Auftragseingänge) der Stimmungsumfragen recht einheitlich anzeigen.

Viertens würden sich die im Zuge der Wiedereröffnung nach den Lockdowns und der sprunghaft gestiegenen Nachfrage die in die Höhe getriebenen Margen der Unternehmen wieder auf "normalere" Niveaus zurückbilden - sobald die Nachfrage sich "normalisiert". Fünftens scheinen die Lohnanstiege ein Plateau gebildet zu haben und sich mittlerweile leicht zurückzubilden, was insbesondere die CPI-Kernrate bremsen sollte. Sechstens müsste es bei den stark gestiegenen Fahrzeugpreisen zu einer Normalisierung kommen, worauf die hohen Stände der Fahrzeuge in den Verkaufsbereichen deuten würden.

Siebtens dürften die innerhalb der letzten zwölf Monate massiv gestiegenen Krankenversicherungsbeiträge nun an Schwung verlieren. Und achtens komme ein preissenkender Effekt über den starken US-Dollar. Perspektivisch sollte insgesamt berücksichtigt werden, dass die zu erwartende konjunkturelle Abschwächung aufgrund von hoher Inflation, gestiegener Zinsen und generell globaler Schwierigkeiten durchaus auch die binnenwirtschaftliche Nachfrage in den USA dämpfen und damit die Preissetzungsmacht der Unternehmen reduzieren sollte.

Die Federal Reserve werde dennoch Anfang November richtigerweise eine Leitzinsanhebung um 75 BP vornehmen. Das aktuelle Preisumfeld und die in der jüngeren Vergangenheit beobachtbaren Überhitzungstendenzen der US-Ökonomie würden dieses weitere beherzte Vorgehen des FOMCs wohl noch erforderlich machen; doch die aufgrund des veränderten Inflationsumfeldes notwendig gewordene Neuausrichtung der US-Geldpolitik werde inzwischen immer mehr zu einem Problem für die nordamerikanische Wirtschaft. Folglich würden die Analysten für Dezember nur noch einen kleinen Zinsschritt um 25 BP voraussehen. In der Tat würden sich die Zeichen zu mehren beginnen, dass die höheren Kapitalmarktzinsen vor allem die Aktivität am US-Immobilienmarkt nachhaltiger zu dämpfen beginne.

Das Risiko sei eigentlich nur, dass die konjunkturelle Abkühlung und die preisliche Entspannung noch nicht schnell genug eintreten würden, was das FOMC bei der Neuausrichtung seiner Geldpolitik über das Ziel hinausschießen lassen könnte. Aggressive FED-Leitzinsanhebungen im Dezember würden eine entsprechende Gefahr sicherlich auslösen können. Viele Notenbanker in Washington dürften sich dieser Tatsache aber durchaus bewusst sein, was schon für ein vorsichtigeres Vorgehen zum Abschluss des Jahres 2022 sprechen könnte.

Die seit einiger Zeit zu beobachtende Stärke der US-Währung gegenüber dem Euro und auch gegenüber anderen Währungen sollte sich wohl kaum angemessen mittels monokausaler Ansätze erklären lassen. Neben Zinsdifferenzen spiele sicherlich vor allem auch die Risikoaversion der relevanten Wirtschaftssubjekte eine zentrale Rolle. Allerdings dürfte kaum ein interessierter Beobachter des Devisenmarktes in diesem Kontext die Bedeutung der für internationale Investoren sehr attraktiven Kapitalmarktrenditen in den USA leugnen. Diese seien vor allem eine Konsequenz der Erwartungshaltung der Markteilnehmer bezüglich der weiteren Geldpolitik im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Mit einer größeren Vorsicht des FOMCs bei Zinsanhebungen dürfte daher auch ein zumindest etwas weniger starker US-Dollar einhergehen. In der Tat dürfte die Währung der Vereinigten Staaten inzwischen fundamental betrachtet überbewertet sein, was allerdings vor allem kurzfristig keine Implikationen für das Marktgeschehen haben müsse. Mittelfristig sollte nun jedoch wohl schon mit einem etwas weniger schwachen Euro zu rechnen sein.

Mit Blick auf die kommenden Wochen könnte Aufwertungspotential des US-Dollars zudem bald ausgereizt sein. Auch wenn die Analysten danach ebenfalls keine übermäßig dynamischen Entwicklungen erwarten würden, scheinen mit Blick auf die Gemeinschaftswährung vom Main Wechselkurse im Bereich von 1,05 USD pro EUR perspektivisch durchaus wieder denkbar. (Ausgabe November 2022) (01.11.2022/alc/a/a)