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USA: Kumulative Zinserhöhungen von 50 Basispunkten in Q1 2023 erwartet


07.11.22 09:03
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - In dieser Woche stehen in den USA Kongresswahlen an, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Diese Midterm Elections könnten kaum spannender sein. Der Ausgang werde darüber entscheiden, ob Joe Biden seinen Kurs bis zum Ende seiner Amtszeit als Präsident fortsetzen könne, und die Chancen stünden schlecht für die Demokraten. Normalerweise nütze die Unzufriedenheit mit dem amtierenden Präsidenten der jeweils anderen Partei und Joe Biden habe mit niedrigen Zustimmungsraten zu kämpfen. Dazu sei die schlechte Wirtschaftslage ein wichtiges Thema bei den Wählern und die Republikaner würden die Inflation und die Angst vor einer kommenden Rezession als eines ihrer zentralen Argumente bei der Wahl nutzen. Für die Republikaner reiche ein Sieg über eine der beiden Kammern (das Repräsentantenhaus oder den Senat), um die Macht der Demokraten entscheidend einzuschränken. In Anbetracht des engen Rennens laut Umfragen sei dies ein sehr wahrscheinliches Ergebnis.

Die Demokraten hätten eine knappe Mehrheit im Repräsentantenhaus. Daher müssten die Republikaner nur fünf der 435 Sitze gewinnen, um die Kontrolle über das Repräsentantenhaus zu erlangen. Im Senat herrsche derzeit eine Pattsituation, aber Kamala Harris habe eine Tiebreak-Stimme, sodass er von den Demokraten kontrolliert werde. Somit könne ein einziger Sitz die Machtverhältnisse verändern. Bei diesen Midterm Elections stünden 34 von 100 Sitzen zur Wahl. Von diesen Sitzen seien 21 republikanisch und 14 demokratisch. Derzeit würden die Republikaner in den Umfragen für das Repräsentantenhaus führen und der Senat gelte als unentschieden.

In Bezug auf Daten sei in der Eurozone in dieser Woche lediglich die Sentix Umfrage von Relevanz. Der erste Stimmungsbarometer für den laufenden Monat werde nach Meinung der Analysten eine leichte Aufhellung ausweisen. Dagegen werde der Nachrichtenfluss zur US-Konjunktur nicht abreißen. Nach den ISM-Indices und dem Arbeitsmarktbericht in der vergangenen Woche stehe diese Woche ganz im Zeichen der Inflationsveröffentlichung. Diese werde im Oktober wohl stabile Inflationsraten im Jahresvergleich und anhaltend hohe Inflationsdynamik im Monatsvergleich widerspiegeln. Die Gesamtrate sei im September mit 8,2% und die Kerninflation mit 6,6% p.a. veröffentlicht worden.

Vor allem die Kerninflation habe nach oben überrascht. Im Monatsvergleich seien die Kernpreise den zweiten Monat in Folge um fast 0,6% p.m. gestiegen und der Inflations-Nowcast der Cleveland FED deute auf ein ähnliches Ausmaß im Oktober hin. Unter den Kerninflations-Komponenten sei der Anstieg der Dienstleistungspreise in letzter Zeit die dominante Kraft gewesen. Dass der Inflationsdruck der Güterpreise auf die Kerninflation nachlasse, während die Dienstleistungspreise weiterhin unter Aufwärtsdruck stehen könnten, werde auch durch die jüngsten ISM-Indices angedeutet. Daher würden alle Augen auf die Dienstleistungspreise gerichtet sein, die einen beständigeren Charakter aufweisen würden und daher auch für die Zinsentscheidung der US-Notenbank FED aussagekräftiger seien.

Neben der realisierten Inflation achte die US-Notenbank auch auf Inflationserwartungen, wie jene aus der Haushaltsumfrage der University of Michigan, welche am kommenden Freitag veröffentlicht werde. Die langfristigen Inflationserwartungen seien von 2,9% im August auf 2,7% im September zurückgegangen und hätten im ersten Halbjahr 2022 noch bei oder knapp über 3% gelegen. Die US-Notenbank wäre sicherlich beruhigt, wenn sich dieser Trend fortsetzen würde.

Basierend auf den jüngsten Daten hinsichtlich der wirtschaftlichen Aktivität könne das generelle ökonomische Umfeld in den USA weiterhin als resilient beschrieben werden. Der ISM Index für das Verarbeitende Gewerbe sei zwar von 50,9 im September auf 50,2 im Oktober gefallen, dies bedeute allerdings, dass der Sektor noch nicht schrumpfe. Die Zahl der Neuaufträge (49,2) nehme hingegen weiterhin ab, allerdings in einem geringeren Ausmaß als noch im September (47,1). Auch die Produktions-Subkomponente habe positiv überraschen können, sie habe von 50,6 auf 52,3 zugelegt, und sei damit wieder weiter von der entscheidenden 50-Punkte-Grenze entfernt. Beschäftigung habe im Oktober (50) stagniert, nachdem sie noch im September abgenommen habe (48,7). Interessanterweise habe auch der Preisdruck im Verarbeitenden Gewerbe abgenommen (von 51,7 auf 46,4). Dasselbe gelte für Lieferzeiten, deren Verkürzung (von 52,4 auf 46,8) auf eine Abnahme der bestehenden Lieferengpässe hinweise.

Hinsichtlich des Nicht-Verarbeitenden Gewerbes zeige sich ein etwas anderes Bild. Der Gesamtindex dieses Sektors sei von 56,7 auf 54,4 gefallen, was natürlich bedeute, dass der Index sich weiterhin im expansiven Gebiet befinde. Dies treffe allerdings nicht auf die Subkomponente Beschäftigung zu. Diese habe im Oktober (49,1) nach einer von Wachstum geprägten Entwicklung im September (53) abgenommen, was eine potenziell schwächere Beschäftigungsentwicklung implizieren könnte.

Besonders interessant sei vor dem Hintergrund des derzeitigen Inflationsumfelds der starke Anstieg der Preise im Servicesektor, mit einer Entwicklung des entsprechenden Index von 57,7 auf 70,7. Dieser Faktor deute nicht auf einen baldigen Rückgang des Preisdrucks im Servicebereich hin. Dementsprechend sei es nicht unwahrscheinlich, dass die gesamte Servicesparte in Zukunft weiter in Bedrängnis gerate. Dies könnte dazu führen, dass der ISM Index für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe sich dem entsprechenden PMI Index annähere und somit ebenfalls in schrumpfendes Terrain abrutsche.

Die Federal Reserve habe die Tür zu einer neuen Phase der geldpolitischen Straffung geöffnet, indem sie eine Verlangsamung des Tempos der Zinserhöhungen vorbereitet habe. Die Anhebung des Zielbandes für die Federal Funds Rate um 75 Basispunkte auf 3,75 bis 4% könnte die letzte dieser Art gewesen sein. Eine kleinere Zinserhöhung im Dezember sei jedoch alles andere als gewiss. Der Markt sei gespalten zwischen 50 und 75 Basispunkten, wobei die letztere Variante zuletzt leicht präferiert worden sei.

In Anbetracht der Kommunikation der Zentralbank würden die Analysten bei ihrer derzeitigen Prognose von 50 Basispunkten im Dezember bleiben und würden die hartnäckig hohe Inflation und eine langsame Entspannung am Arbeitsmarkt als Grund für eine Verlängerung des Zinserhöhungszyklus ansehen. Der endgültige Zinssatz bleibe also ungewiss und sei infolge der FED-Sitzung am Markt auf über 5% gepreist worden. Aus heutiger Sicht scheine es plausibel, dass sich diese Phase der Feinabstimmung mit kleineren Zinserhöhungen noch ins Jahr 2023 ziehen werde.

Auch in Anbetracht der Äußerungen Powells, dass die Mitglieder des Offenmarktausschusses ihre Einschätzung des Leitzinses im Vergleich zur September-Sitzung nach oben korrigiert hätten, würden die Analysten mit kumulativen Zinserhöhungen von 50 Basispunkten im ersten Quartal 2023 rechnen (+25 Basispunkte gegenüber der vorherigen Prognose). Die Datenabhängigkeit werde in dieser neuen Phase der Feinabstimmung des angemessenen geldpolitischen Kurses noch wichtiger werden. (Ausgabe vom 04.11.2022) (07.11.2022/alc/a/a)