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Türkei: Rücktritt von Zentralbankgouverneurin Erkan führt nicht zu Unsicherheit


12.02.24 11:52
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die türkische Zentralbankvorsitzende Hafize Gaye Erkan ist nach Vorwürfen zurückgetreten, Ihr Vater habe ungerechtfertigt in Personalentscheidungen der Notenbank eingegriffen, so die Analysten der DekaBank.

Zum Nachfolger sei der stellvertretende Zentralbankgouverneur Fatih Karahan ernannt worden. Karahan gelte wie seine Vorgängerin als Vertreter eines auf Preisstabilität bedachten Kurses, weshalb der Wechsel keine Unsicherheit an den Finanzmärkten ausgelöst habe. Auf der letzten Sitzung von Erkan sei der Leitzins im Januar erneut um 250 Basispunkte auf nun 45% angehoben worden, womit nach Einschätzung der Notenbank nun zumindest vorläufig ein Ende des Anhebungszyklus erreicht sei. Bei der Vorstellung des Inflationsberichts habe Karahan bei seiner ersten Präsentation im neuen Amt darauf hingewiesen, dass weitere Zinsanhebungen nötig werden könnten, falls die Inflation vom erwarteten Pfad nach oben abweiche.

Dass der Weg zu Preisstabilität noch weit sei, sei mit der Veröffentlichung der Verbraucherpreisdaten für Januar deutlich geworden: Die Inflationsrate habe mit 64,9% leicht über dem Dezember-Wert (64,8%) und die Monatsveränderungsrate mit 6.7% so hoch wie zuletzt im August vergangenen Jahres gelegen. Getrieben sei die Entwicklung zwar vornehmlich durch Sondereffekte wie die Mindestlohnanhebung und Steuererhöhungen gewesen, doch dürfte der hohe Preisdruck auch die Inflationserwartungen weiterhin hochhalten. Angesichts des weiterhin hohen Kreditwachstums, von hohen Zuflüssen auf Fremdwährungskonten sowie des hohen Leistungsbilanzdefizits gebe es noch keine Sicherheit, dass die Geldpolitik bereits ausreichend restriktiv sei. Doch eine weitere Zinsanhebung vor den Regionalwahlen am 31. März wäre eine Überraschung.

Außenpolitisch habe die Türkei mit der Zustimmung zum NATO-Beitritt Schwedens einen großen Störfaktor im Verhältnis zu den westlichen Partnern aus dem Weg geräumt. Sollten Präsident Erdogan und seine AKP bei den Regionalwahlen den erwarteten Erfolg einfahren, würde ihn dies wohl bestärken, auf dem Weg einer stabilitätsorientierten Wirtschaftspolitik und einer Annährung im Verhältnis zum Westen fortzuschreiten.

Regierung und Zentralbank würden versuchen, durch eine Straffung der Geldpolitik die Inflationserwartungen zu stabilisieren und gleichzeitig die Konjunktur am Laufen zu halten. Sie selbst würden erst ab der zweiten Jahreshälfte 2024 mit nennenswert niedrigeren Inflationsraten rechnen. Ob dieses graduelle Vorgehen ausreiche, um das Vertrauen in die Lira wiederherzustellen, sei offen. Bis auf Weiteres erscheinen hohe Inflation, eine schwächere Währung und geringeres Wirtschaftswachstum das wahrscheinlichste Szenario für die kommenden zwei Jahre, so die Analysten der DekaBank. Außenpolitisch sei die Bedeutung der Türkei für den Westen durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine gestiegen. Dies gebe Präsident Erdogan Spielraum, innenpolitisch seine harte Linie weiter zu verfolgen.

Die Ratingagenturen hätten auf die wirtschaftspolitische Kehrtwende hin zu einer stärker stabilitätsorientierten Politik reagiert. S&P (B) und Moody's (B2) hätten den Ratingausblick erst auf stabil und dann auf positiv angehoben, während der Ausblick bei Fitch (B) noch auf stabil stehe. Für den weiteren Ratingverlauf werde entscheidend sein, ob die Geldpolitik auch dann restriktiv gehalten werde, wenn sich die Konjunktur stärker abschwächen sollte.

Neben Zweifeln am Stabilitätswillen Erdogans seien die hohe Fremdwährungsverschuldung, die niedrigen Nettoreserven der Zentralbank sowie das hohe Leistungsbilanzdefizit die wichtigsten Gründe für niedrige Ratings im Single-B-Bereich. Die Spreads von Hartwährungsanleihen würden signalisieren, dass der wirtschaftspolitischen Führung zugetraut werde, eine Zahlungsbilanzkrise verhindern zu können. (Ausgabe vom 09.02.2024) (12.02.2024/alc/a/a)