Türkei: Inflationsrate fällt deutlich


13.01.23 11:39
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Seit Anfang Oktober hat die Türkische Lira gegenüber dem US-Dollar nur rund 1% an Wert verloren, so die Analysten der DekaBank.

Damit habe die Lira zwar erneut zu den schwächsten EM-Währungen gezählt, weil fast alle anderen Währungen gegenüber dem US-Dollar zum Teil deutlich zugelegt hätten. Dennoch sei diese Phase geringer Volatilität für die Lira ungewöhnlich. Ermöglicht worden sei die Stabilität durch Eingriffe der Notenbank und der Regierung, die zu einer Abnahme der Liquidität am Währungsmarkt und attraktiven Konditionen für Lira-Einlagen geführt hätten.

Die geringen Schwankungen würden zudem auf regelmäßige Interventionen am Devisenmarkt von Notenbank und Staatsbanken hindeuten. Die Währungsreserven seien in den vergangenen Monaten dennoch gestiegen, was vor allem auf nichtdeklarierte Kapitalzuflüsse zurückzuführen gewesen sei. Die Stabilität der Währung habe einen Beitrag geleistet, den Preisdruck zu reduzieren. So seien die Verbraucherpreise im Dezember nur noch um 1,2% gegenüber dem Vormonat angestiegen und damit so wenig wie seit August 2021 nicht mehr. Die Inflationsrate sei von 84,4% auf 64,3% gefallen, was auf einen starken Basiseffekt zurückzuführen gewesen sei.

Auch in den kommenden Monaten würden Basiseffekte wirksam, sodass die Inflationsrate im April unter 40% fallen könnte. Die Veröffentlichung solcher Zahlen käme Präsident Erdogan im Vorfeld der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen, die spätestens am 18. Juni stattfinden müssten, gerade recht. Dass die Manipulation des Wechselkurses aber auch Probleme aufwerfe, würden vor allem die Exporteure zu spüren bekommen, deren Wettbewerbsfähigkeit angesichts der realen Aufwertung der Lira sinke. So habe der Leistungsbilanzsaldo im November mit einem Defizit von 3,7 Mrd. US-Dollar weiterhin tief im roten Bereich gelegen. Defizite in dieser Höhe zu finanzieren, dürfte für die Türkei dauerhaft kaum möglich und eine starke nominale Abwertung eigentlich nur eine Frage der Zeit sein.

Im Falle eines Wechsels im Präsidentenamt wäre eine schnelle Rückkehr zu einer marktorientierten Wirtschaftspolitik sehr wahrscheinlich. Doch auch Erdogan würde im Falle eines erneuten Wahlsiegs eine Abwertung wohl nicht dauerhaft herauszögern können. Der Ausgang der Wahl um das Präsidentenamt sei weitgehend offen. Einer der stärksten potenziellen Herausforderer sei Ekrem Imamoglu, der Bürgermeister Istanbuls. Er sei im Dezember in einem Prozess, der die Zweifel an der Unabhängigkeit der türkischen Justiz verstärkt habe, wegen Beleidigung zu mehr als zwei Jahren Haft verurteilt worden. Da er gegen das Urteil Berufung eingelegt habe, bleibe er allerdings zunächst auf freiem Fuß und könnte bis zu einer endgültigen Verurteilung bei den Wahlen antreten.

Der Mangel an Vertrauen in die Zentralbank befeuere die Inflationserwartungen und führe zu hohem Preisdruck. Um das Problem eines deutlich zu hohen Leistungsbilanzdefizits in den Griff zu bekommen, müsste die Inlandsnachfrage nachhaltig gedämpft werden. Erdogan wolle dies zumindest bis zu den Wahlen vermeiden und riskiere damit eine erneute Währungskrise. Trotz der Hochinflation und wiederholter Währungskrisen könne Erdogan auf eine Wiederwahl hoffen, was in erster Linie daran liege, dass sich die Opposition bislang nicht geschlossen zeige. Ein politischer Wechsel würde umfassende Reformperspektiven eröffnen.

Drei Währungskrisen innerhalb von drei Jahren hätten das Vertrauen von Ratingagenturen und internationalen Investoren in die türkische Wirtschaftspolitik stark erschüttert. Die größten fundamentalen Schwächen seien das hohe Leistungsbilanzdefizit, die hohe Fremdwährungsverschuldung des Unternehmenssektors und die zu niedrigen Währungsreserven. Angesichts der sehr hohen Auslandsverschuldung sei es essentiell, dass der Zugang zum internationalen Finanzierungsmarkt für türkische Banken und Unternehmen bestehen bleibe. (13.01.2023/alc/a/a)





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