Türkei: Inflation auf 24-Jahreshoch


09.11.22 12:01
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Die (offizielle) Inflationsrate in der Türkei erreichte mit 83% p.a. zuletzt den höchsten Stand seit 24 Jahren, so die Experten von Raiffeisen Capital Management.

Inoffizielle Inflationsschätzungen würden sogar von einer rund doppelt so hohen Teuerungsrate ausgehen. Dennoch habe die Notenbank die Zinsen von 12% auf 10,5% gesenkt und sogar weitere Zinssenkungen angekündigt. Erstaunlich stabil habe sich angesichts dessen die Landeswährung gezeigt: Sie habe im September und Oktober zum US-Dollar nur relativ wenig nachgegeben. Das offizielle Wirtschaftswachstum zeige trotz Abschwächungstendenzen weiterhin ein recht robustes Konjunkturbild.

Doch diese scheinbare Stabilität trüge. Der Bankensektor begehre gegen neue Regulierungen, die ihn dazu verpflichten würden, türkische Staatsanleihen in großem Umfang zu halten, öffentlich auf und sehe wachsende Stabilitätsrisiken. Gut ausgebildete, junge Arbeitskräfte würden das Land verlassen, da die Lohnentwicklung weit hinter den Teuerungsraten zurückbleibe. Und die Situation bei Leistungsbilanz und Verschuldung bleibe sehr prekär. Bis April 2023 müsse der türkische Staat rund 180 Milliarden US-Dollar zurückzahlen.

Außenpolitisch hingegen gewinne die Türkei weiter an Einfluss. Russland und die Türkei hätten vereinbart, die Türkei zu einer zentralen Schnittstelle für Erdgaslieferungen zu machen. Auch die geplante Gaspipeline von Israel/Libanon nach Europa als Alternative bzw. als Ergänzung zu russischem Gas werde wohl über die Türkei führen. Nachdem der ukrainische Präsident sich selbst per Dekret Friedensverhandlungen mit dem russischen Präsidenten Putin verboten habe, werde eine etwaige Verhandlungslösung wohl am ehesten über Erdogan/Türkei erfolgen können.

Es sei zu erwarten, dass Präsident Erdogan mit dieser wachsenden geopolitischen Stärke der Türkei massiv Wahlkampf machen werde. Ob das für eine Wiederwahl im Frühjahr 2023 reichen werde, bleibe abzuwarten und scheine aktuell eher unwahrscheinlich. Es sei aber durchaus noch möglich, dass Erdogans Rechnung aufgehe.

Der türkische Aktienmarkt gehöre weiterhin zu den (nominal) stärksten Aktienbörsen. Er sei im September fast unverändert gewesen, entgegen dem sehr negativen globalen Trend. Im Oktober habe er gar um über 20% zugelegt. (Ausgabe vom 04.11.2022) (09.11.2022/alc/a/a)