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Türkei: Eine neue Währungskrise wird wahrscheinlicher


16.11.22 10:15
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Türkische Zentralbank hat im Oktober den Leitzins um 150 Basispunkte auf 10,5% gesenkt und für den November-Entscheid eine Senkung im selben Umfang in Aussicht gestellt, so die Analysten der DekaBank.

Damit würde der Leitzins auf 9% sinken und dem Ziel von Staatspräsident Erdogan entsprechen, der einen "einstelligen" Zins fordere. Das Zinsniveau entferne sich damit immer weiter von der offiziellen Inflationsrate, die im Oktober bei 85,5% gelegen habe. Das Kreditwachstum sei seit August vergangenen Jahres von 12,3% yoy auf 69,3% yoy gestiegen und spreche für einen anhaltend hohen Inflationsdruck. Trotz dieser Vorgaben habe sich die Türkische Lira seit Anfang Oktober weitgehend stabil entwickelt. Dies sei zum einen darauf zurückzuführen, dass mit den neuen Lira-Einlageinstrumenten, die dem Anleger eine Kompensation von Wechselkursverlusten gegenüber dem US-Dollar garantieren würden, eine Alternative zur Anlage in US-Dollar geschaffen worden sei. Zum anderen dürfte es aber auch zu fortgesetzten Devisenmarktinterventionen von Zentralbank und Staatsbanken kommen. Erdogan habe auf den Zufluss von Geldern befreundeter Staaten hingewiesen, die trotz dieser Interventionen eine stabile Entwicklung der Devisenreserven ermöglicht haben könnten.

Die Kombination hoher Inflation und eines weitgehend stabilen Wechselkurses habe eine reale Aufwertung der Lira zur Folge, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit türkischer Unternehmen untergrabe. Das Leistungsbilanzdefizit habe in den ersten neun Monaten dieses Jahres bereits bei rund 38 Mrd. US-Dollar gelegen. Erdogan dürfte alles daransetzen, eine neue Währungskrise bis zu den Wahlen im Juni kommenden Jahres zu verhindern. Im Falle seines erneuten Wahlsiegs dürfte aber auch er nicht umhinkommen, eine erneute massive Abwertung zuzulassen, da nicht genug Kapital für fortgesetzte Devisenmarktinterventionen zufließe. In der Folge würden die Analysten für die zweite Jahreshälfte 2023 ein erneutes Anziehen der Inflation und eine Schrumpfung der Wirtschaft erwarten. Sie hätten daher die BIP-Prognose für 2023 von 3,2% auf 1,3% gesenkt. Die Prognose für 2022 würden die Analysten wegen des besser als erwartet ausgefallenen zweiten Quartals von 4,6% auf 5,4% anheben.

Der Mangel an Vertrauen in die Zentralbank auf Seiten von Investoren und Konsumenten befeuere hohe Inflationserwartungen und werde bis zu einem Kurswechsel in der Geldpolitik zu einem anhaltend hohen Preisdruck führen. Die damit verbundenen Kaufkraftverluste der privaten Haushalte würden die Konsumnachfrage belasten. Um das Problem eines deutlich zu hohen Leistungsbilanzdefizits in den Griff zu bekommen, müsste die Inlandsnachfrage nachhaltig gedämpft werden. Erdogan wolle dies zumindest bis zu den Wahlen im kommenden Jahr vermeiden und riskiere damit eine erneute Währungskrise. Trotz der Hochinflation und wiederholter Währungskrisen könne Erdogan auf eine Wiederwahl im kommenden Jahr hoffen, was in erster Linie daran liege, dass sich die Opposition bislang nicht geschlossen zeige. Ein politischer Wechsel würde umfassende Reformperspektiven eröffnen.

Drei Währungskrisen innerhalb von drei Jahren hätten das Vertrauen von Ratingagenturen und internationalen Investoren in die türkische Wirtschaftspolitik stark erschüttert. Die Risikoaufschläge türkischer Staatsanleihen würden die Sorge der Investoren zeigen, doch das Spreadniveau signalisiere keine Erwartung einer bevorstehenden Staatsschuldenkrise. Die größten fundamentalen Schwächen seien das hohe Leistungsbilanzdefizit, die hohe Fremdwährungsverschuldung des Unternehmenssektors und die niedrigen Währungsreserven. Angesichts der sehr hohen Auslandsverschuldung sei es essentiell, dass der Zugang zum internationalen Finanzierungsmarkt für türkische Banken und Unternehmen bestehen bleibe. (Ausgabe vom 11.11.2022) (16.11.2022/alc/a/a)