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Tschechische Republik: Wechsel an der Zentralbankspitze bringt Unsicherheit


03.06.22 12:21
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Im ersten Quartal 2022 ist die Wirtschaft der Tschechischen Republik noch um robuste 0,9% qoq (4,8% yoy) gewachsen, so die Analysten der DekaBank.

Im Vorjahresvergleich hätten besonders die Konsumausgaben, die Investitionstätigkeit sowie der Lageraufbau einen positiven Beitrag geleistet. Doch gegenüber dem letzten Quartal 2021 zeige vor allem der private Konsum bereits Zeichen einer inflationsbedingten Verlangsamung, während die Erholung von den Pandemie-Restriktionen immer weniger ins Gewicht falle. Die Inflationsentwicklung bleibe problematisch: Im April habe die Gesamtinflationsrate bei 14,2% gelegen, getrieben von den Preisen für Lebensmittel, Strom und Erdgas. Aber auch die Kernrate liege mit 12,9% weit außerhalb des Zielbereichs, getragen von den Preisen im Dienstleistungssektor, aber auch von der Mietkomponente.

In den Zentralbank-Projektionen Anfang Mai sei angesichts der Inflationsdynamik eine Anhebung der Leitzinsen auf über 8% suggeriert worden. Doch bereits damals habe sich die Tschechische Zentralbank angesichts der hohen Konjunkturrisiken, die mit dem Krieg in der Ukraine verbunden seien, nicht bereit gezeigt, die Straffungen in dem skizzierten Ausmaß mitzugehen. Der Leitzins sei auf 75 Bp auf 5,75% angehoben worden.

Ab Juli werde es zu deutlichen Änderungen der Zusammensetzung des geldpolitischen Komitees kommen. Der neue Vorsitzende, Ales Michl, zähle zu den Tauben und betrachte die aktuelle Inflationsproblematik in erster Linie als ein Angebotsschock, was eine weitere Straffung der Geldpolitik ab Juli unwahrscheinlich erscheine. Für die Zentralbanksitzung am 22. Juni würden die Analysten den vorerst letzten Leitzinsschritt auf dann 6,50% erwarten. Die Sorgen vor einem Geldpolitikfehler hätten Abwertungsdruck auf die Tschechische Krone ausgeübt, sodass die Zentralbank mit Deviseninterventionen eingegriffen habe.

Als kleine offene Volkswirtschaft reagiere die tschechische Volkswirtschaft stark auf die Entwicklung der globalen, insbesondere der europäischen, Konjunktur. Die Risiken im Hinblick auf den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine seien damit hoch, selbst wenn Tschechien selbst noch nicht von den Problemen bei der Energieversorgung betroffen sei und auch von einem möglichen EU-Ölembargo gegen Russland teilweise ausgeschlossen wäre. Für einen Konjunkturimpuls dürften weiterhin die Mittel der Aufbau- und Resilienzfazilität der EU sorgen, aus der das Land 7 Mrd. Euro an Zuschüssen beantragt habe. Im Mittelpunkt des Programms stünden Klimaschutz und digitale Transformation. Die finanziellen Mittel aus dem Programm und auch die entsprechenden konjunkturellen Effekte dürften allerdings zeitlich über die nächsten Jahre gestreckt werden.

Das Rating Tschechiens bleibe gut im sehr soliden Investment-Grade-Bereich verankert (S&P und Fitch: AA-; Moody’s: Aa3). Nach den Parlamentswahlen im Herbst 2021 sei in der Tschechischen Republik der liberalkonservative Petr Fiala zum Ministerpräsidenten ernannt worden. Der führe eine Regierung aus fünf Gruppierungen an, dem neben seiner Demokratischen Bürgerpartei (ODS) auch Christdemokraten und Piratenpartei angehören würden.

Der neue Ministerpräsident stehe zwar für eine traditionellere Politik als sein Vorgänger, der ANO-Vorsitzende Babis; die Breite des Regierungsbündnisses könne allerdings zur Instabilität der Regierung führen. Aufgrund der soliden Ausgangslage der Staatsfinanzen stelle die massive Ausweitung des Budgetdefizits in der Corona-Krise kein unmittelbares Risiko für die Bonität des Landes dar, zumal die neue Regierung eine straffe Fiskalpolitik angekündigt habe. (03.06.2022/alc/a/a)