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Steigende Zinsen, fallende Kurse - Zentralbanken in Not?


10.11.22 10:45
Grüner Fisher Investments

Rodenbach (www.anleihencheck.de) - Stehen die Zentralbanken vor Verlusten oder gar vor der Insolvenz? Laut Thomas Grüner, Gründer und Vice Chairman von Grüner Fisher Investments, taucht diese Frage in letzter Zeit immer häufiger auf und versetzt Anleger in unterschiedlich starke Alarmbereitschaft.

"Einige Berichte konzentrieren sich auf nicht realisierte Verluste in den Anleiheportfolios der FED und anderer Zentralbanken, die mit steigenden Zinsen zusammenhängen", so Grüner. "Andere befassen sich mit negativen Nettozinserträgen und warnen davor, dass große Probleme entstehen, wenn Zentralbanken rote Zahlen schreiben."

Demnach würden die EZB, die FED, die Bank of England und andere Zentralbanken eine große Menge an Anleihen besitzen. Fakt sei auch, dass die Anleihenkurse in diesem Jahr gesunken seien, da sie sich entgegengesetzt zu den Zinssätzen bewegen würden. Daher liege der Marktwert der Bestände einiger dieser Zentralbanken wahrscheinlich weit unter dem Anschaffungspreis. "Forscher schätzen, dass die FED in diesem Jahr nicht realisierte Verluste in Höhe von etwa einer Billion US-Dollar zu verzeichnen hat", erläutere Grüner. Dies seien gewaltige "rote Zahlen" für Institutionen, die eigentlich das Finanzsystem stützen sollten.

Allerdings handele es sich dabei größtenteils um imaginäre rote Zahlen. Zentralbanken seien nicht wie Geschäftsbanken, es gebe für sie keine aufsichtsrechtlichen Kapitalanforderungen. Verluste würden sie erleiden, wenn sie Vermögenswerte unter dem Einkaufspreis verkaufen würden. "Derzeit verkauft nur die Bank of England Anleihen, die FED hingegen lässt fällig werdende Wertpapiere passiv aus ihrer Bilanz auslaufen - keine Verkäufe, keine realisierten Verluste, außer in dem Maße, in dem sie vor Jahren Anleihen mit einem Aufschlag auf den Nennwert gekauft hat", sage Grüner.

Außerdem sei eine Zentralbank kein Unternehmen. Sie könne keinen Konkurs anmelden, sei nicht von einem Bank Run betroffen und müsse sich nicht um die Entschädigung von Gläubigern und Investoren kümmern. Private Unternehmen hätten keine Ansprüche an sie, daher bestehe keine funktionale Notwendigkeit, solvent oder liquide zu sein. Das Eigenkapital setze sich aus den Einlagen der Banken, die Mitglieder des Federal Reserve Systems seien, zusammen. Dieser Beitrag sei ein Prozentsatz des Eigenkapitals der Mitgliedsbanken, so dass das Kapital der FED mit der Größe der Banken steige.

"Buchverluste sind imaginär - real ist dagegen, dass die FED aktuell mehr Zinsen auf die hinterlegten Reserven zahlen muss, als sie für ihr Anleiheportfolio erhält", so Grüner. Seit September befinde sich die FED in dieser Situation, ihr wöchentlicher Betriebsverlust hätte in der Woche Anfang November den Rekordwert von 7,2 Mrd. US-Dollar erreicht. "Dies bedeutet jedoch lediglich, dass die FED aktuell keinen Nettoertrag an das US-Finanzministerium abführt, wozu sie gesetzlich verpflichtet ist", analysiere Grüner. Stattdessen setze sie einen Posten in ihrer Bilanz ein, der als "abgegrenzter Vermögenswert" bezeichnet werde und als negative Verbindlichkeit erscheine. In der Praxis bedeute dies, dass die FED erst wieder Überweisungen an das US-Finanzministerium tätige, sobald neue Erträge den vorherigen Verlust übersteigen würden.

"Anleger sollten die Handlungen der Zentralbanken kritisch überwachen, sie jedoch nicht mit normalen Geschäftsbanken gleichsetzen", resümiere Grüner. "So relativieren sich einige Schlagzeilen, die gerade im Hinblick auf die FED überzogen wirken." Auch diese Ängste würden zum pessimistischen Stimmungsbild beitragen, das sich in vielerlei Hinsicht aufhellen könne und den Aktienmärkten Rückenwind verschaffen sollte. (10.11.2022/alc/a/a)