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Steht die nächste Rezession vor der Tür?


09.06.22 11:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - In den USA sind drei Viertel der Vorstände der Fortune 500-Unternehmen der Meinung, dass die Vereinigten Staaten bis 2023 in eine Rezession fallen werden, berichten die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Eine CNBC-Umfrage unter Marktstrategen komme zu einem ähnlichen Ergebnis. Hier würden 20 von 30 Teilnehmern erwarten, dass die US-Wirtschaft bis Ende 2023 in eine Schrumpfungsphase tauchen werde.

Auf den ersten Blick würden diese Umfrageergebnisse überraschen. Denn die Datenlage sehe eher freundlich aus. Die ISM-Einkaufsmanagerindies seien weiterhin auf einem hohen Niveau, die Aufträge für langlebige Wirtschaftsgüter würden steigen und auch die Industrieproduktion expandiere. Der private Konsum steige, gestützt durch eine exzellente Beschäftigungslage, stark steigende Löhne sowie den Rückgriff der Haushalte auf einen Teil ihrer während der Corona-Zeit aufgebauten zusätzlichen Ersparnis bzw. eine verstärkte Inanspruchnahme von Konsumentenkrediten. Allerdings seien hier erste Bremsspuren durch die höheren Zinsen zu spüren, da zwar der nominale Verbrauch einen robusten Anstieg verzeichne, der inflationsbereinigte Konsum jedoch nur geringfügig zunehme. Auch am Immobilienmarkt scheine sich die Lage zu ändern. Das Niveau der Bauaktivität sei nach wie vor sehr hoch, aber der Verkauf existierender Häuser sei zuletzt deutlich eingebrochen. Insgesamt würden die Konjunkturdaten aber weiterhin ein positives Bild zeichnen.

Woher komme also der Pessimismus? Hauptsächlich von der historischen Erfahrung, dass in den vergangenen Jahrzehnten fast jeder Rezession mit einem Vorlauf von 12 bis 24 Monaten eine Folge von Leitzinsanhebungen durch die Federal Reserve Bank vorausgegangen sei. Die ökonomische Logik dahinter sei einfach: Mit der Anhebung des Leitzinses werde es für Unternehmen teurer sich zu refinanzieren, da die Banken und Kapitalmärkte den höheren Leitzins in der Regel durch höhere Bankkredit- und Kapitalmarktzinsen weitergeben würden. Diese Verschärfung der Finanzierungsbedingungen belaste die Unternehmen, was sich in niedrigeren Aktienkursen niederschlage. Die übliche Reaktion der Firmen sei es, Sparprogramme aufzulegen und mithin weniger zu investieren, so dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in Mitleidenschaft gezogen werde. Eine Rezession sei dann häufig die Folge.

Eine solche sei aber keineswegs in Stein gemeißelt. Das sehe auch die US-Notenbank so, die eine so genannte sanfte Landung anstrebe. Von der Grundidee her möchte sie über die Leitzinserhöhungen den Arbeitsmarkt etwas entspannen. Das müsse nicht unbedingt zu einer deutlich höheren Arbeitslosigkeit führen. Es würde schon reichen, wenn das Verhältnis von offenen Stellen zu Arbeitslosen von derzeit 2,1 - d.h. auf einen Arbeitslosen kommen im Durchschnitt 2,1 offene Stellen - auf das Vorcoronaniveau von 1,1 bis 1,3 fallen würde. Der moderate Anstieg bei der Partizipationsrate auf zuletzt 62,3% sowie die Tatsache, dass der Lohnzuwachs sich nicht weiter beschleunigt habe, würden darauf hindeuten, dass das Manöver zumindest nicht vornherein zum Scheitern verurteilt sei.

Unterstützung könnte vom Ölmarkt kommen, falls die Ölpreise sich gemäß dem Future-Markt verhalten und in zwölf Monaten um knapp 20% tiefer notieren würden. Zu erwarten sei außerdem, dass der coronabedingte Nachfrageboom an den Gütermärkten - man sollte an die Fitnessgeräte, Gartenmöbel, neue Küchen und andere Anschaffungen denken, die das Leben in Coronazeiten erträglicher machen würden - abebbe. Dadurch sollten etwa Industriemetalle weniger stark nachgefragt werden, während gleichzeitig der Druck auf die Lieferketten etwas nachlassen dürfte. Tatsächlich hätten sich die Staus an den US-Häfen an der Westküste weitestgehend aufgelöst. Auch der Nachfragesog aus China, der im laufenden Jahr bereits merklich nachgelassen habe - das BIP Chinas sei im laufenden Quartal vermutlich geschrumpft - entlaste die Rohstoffmärkte.

Im Ergebnis würden die Entwicklungen aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem Rückgang der Inflation beitragen und der FED das Leben etwas leichter machen.

Natürlich könne es auch ganz anders kommen. Sollte China in Kürze erneut Millionenstädte wie Shanghai und Peking in einen harten Lockdown schicken, würde sich die Lieferkettenproblematik noch länger hinziehen. Eine Verschärfung der Sanktionsregime gegenüber Russland würde die Knappheiten bei vielen Rohstoffen beleben und die Produktionsmöglichkeiten zusätzlich beschränken. Möglich sei auch, dass der private Konsum, der die wichtigste Säule der amerikanischen Konjunktur darstelle, durch eine Korrektur an den Aktienmärkten und den daraus folgenden negativen Vermögenseffekten einbreche.

Die Analysten der Hamburg Commercial Bank erwarten zunächst zwei Zinserhöhungen durch die FED à 50 BP im Juni und Juli, gefolgt von 25 BP bei den letzten drei Zinssitzungen in diesem Jahr. Das Leitzinsniveau würde dann 2,75% erreicht haben. Die FED dürfte dann angesichts einer sich verlangsamenden Konjunktur das Straffungstempo weiter drosseln und nur noch drei weitere Zinsschritte im Jahr 2023 durchführen. In ihrem Basisszenario würden die Analysten 2023 keine Rezession, sondern ein Wachstum von 2,5% (nach 2,9% im laufenden Jahr) erwarten. Diese Prognose müsse nicht eintreffen, das gleiche gelte allerdings auch für Konjunkturumfragen. (09.06.2022/alc/a/a)