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Staatsanleiherenditen erreichen mehrjährige Höchststände, EM-Anleihen weiterhin abgestraft


08.11.22 09:07
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Nach schweren Verlusten im August und September konnten sich Aktien zuletzt stabilisieren und mancherorts etwas erholen, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H.

Dafür seien folgende Gründe auszumachen: (1) Die Fundamentaldaten würden sich nach wie vor robust präsentieren. Beispielsweise seien die Arbeitsmärkte der großen Volkswirtschaften weiterhin bombenfest. Auch die Unternehmensergebnisse könnten immer noch als solide bezeichnet werden. (2) Viele Marktteilnehmer würden neuerlich auf eine Kehrtwende der Notenbanken in Bezug auf ihre aggressiven Zinsanhebungen hoffen. Neuerlich deshalb, weil es diese Hoffnungen auch im Sommer (siehe Markterholung Juni - August) gegeben habe. (3) Es würden sich in jedem Abwärtstrend immer wieder Gegenbewegungen finden, die einfach aus einer "überverkauften" Situation heraus entstünden, ohne dass sich das Umfeld geändert haben müsse. Wie nachhaltig ist diese Erholung nun bzw. haben wir es bereits mit einem beginnenden neuen Aufschwung zu tun, fragen die Experten von Raiffeisen Capital Management.

Mit Blick auf die genannten Einflussfaktoren ergebe sich folgende Einschätzung. Ad (1) Der Arbeitsmarkt sei ein nachlaufender Indikator im Wirtschaftszyklus. Eine Abschwächung sei eine Frage der Zeit. Nicht zuletzt deshalb stünden die Zeichen für viele Wirtschaftsräume auf Rezession. Ad (2) Wie die Notenbanken laufend klar zu machen versuchen würden, seien sie noch weit davon entfernt, den Kampf gegen die Inflation für gewonnen zu erklären. Die FED habe zuletzt nicht nur einer Pause bei den Zinsanhebungen eine Absage erteilt, sie habe auch in Aussicht gestellt, dass der Leitzins noch stärker angehoben werden könnte, als bislang erwartet.

Ad (3) Die überverkaufte Situation am Markt sei bereinigt, jetzt könne man sich wieder dem Haupttrend zuwenden. Und diesen würden die Experten - wenig überraschend nach der vorangegangenen Argumentation - weiterhin nach unten erwarten. Bis zum Tiefstand an den Aktienmärkten in diesem Marktzyklus werden wir uns wohl noch den einen oder anderen Monat gedulden müssen, so die Experten von Raiffeisen Capital Management.

Die starke Dynamik der Renditeanstiege sei weiterhin aufrecht geblieben. Obwohl die Renditen mehrjährige Höchststände erreicht hätten, würden die Experten vor allem bei Euro-Staatsanleiherenditen vorsichtig bleiben. Dies gelte in erster Linie für deutsche und französische Staatsanleihen. Die Experten würden kurze US-Staatsanleihen vor langen bevorzugen und mittelfristig wieder mit einer steileren Zinskurve rechnen.

Die Risikoprämien von Unternehmensanleihen seien zuletzt leicht nach oben bzw. seitwärts gedriftet. Die Experten würden Bankanleihen bevorzugen, die sie attraktiver einstufen würden als Non-Financials Anleihen. Deutsche Pfandbriefe würden sie attraktiver als Euro-Staatsanleihen erachten, ebenso EUR Investmentgrade-Corporate-Bonds gegenüber EUR High-Yield-Unternehmensanleihen, die sich vergleichsweise gut hätten halten können. Dies möge auch daran liegen, dass die Ratingagenturen lediglich moderate Ausfallsratenanstiege prognostizieren würden.

Neben schwachen Wirtschaftsindikatoren werde dieses Anleihesegment durch sinkende Rohstoffpreise, eine allgemeine restriktivere Notenbankpolitik und eine immer deutlicher werdende Risikoaversion von Investorenseite abgestraft. Hinzu komme eine beeindruckende Wirkungslosigkeit der umfangreichen chinesischen Stimulusmaßnahmen.

Die internationalen Aktienmärkte hätten sich in den letzten Wochen, angetrieben von der Hoffnung auf ein baldiges Ende der Zinsanhebungen, deutlich erholen können. Die Experten würden das restriktiver werdende Liquiditätsumfeld unverändert als einen der größten Belastungsfaktoren für die nächsten Monate sehen. Zusätzlich würden sich auch die Gewinnaussichten der Unternehmen stärker eintrüben. Die Experten würden daher bei ihrer Untergewichtung im Aktienbereich im Ausmaß von zwei Schritten bleiben.

Im wichtigsten Teil der Assetklasse Emerging Markets Aktien, in China, habe im letzten Monat die politische Weichenstellung für die nächsten Jahre stattgefunden: Die Macht von Xi Jingping sei zementiert worden und damit auch sein Politikstil, der sich als nicht allzu marktfreundlich darstelle. Die Märkte würden das nicht goutieren. In den letzten Tagen gebe es aber auch positivere Anzeichen: So sollten die Einschränkungen im Flugverkehr wegen Covid in China deutlich gelockert werden. Damit mache sich wieder einmal Hoffnung breit, dass nunmehr wieder Wachstum stärker im Fokus stehen könnte. Die Experten würden ihre neutrale Positionierung beibehalten.

Die Rohstoffmärkte hätten zuletzt seitwärts tendiert. Auf Sicht der letzten Monate hätten vor allem die zyklischen Industriemetalle aufgrund von zunehmenden Konjunkturwachstumsängsten Verluste hinnehmen müssen. Im Energiebereich rücke die OPEC (Angebotsrücknahmen) wieder stärker in den Mittelpunkt. Die Experten seien nun etwas vorsichtiger bei Rohstoffen und hätten ihre Position geschlossen. (Ausgabe vom 07.11.2022) (08.11.2022/alc/a/a)