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Ruhe vor einem möglichen Sturm - Geldmengenveränderungen viel wirksamer als Zinserhöhungen


08.06.22 12:14
Fisch Asset Management

Zürich (www.anleihencheck.de) - Verschiedene Konjunkturindikatoren in den USA und Europa signalisieren eine Stabilisierung und damit weiterhin ein sehr tiefes Rezessionsrisiko, so Beat Thoma, CIO bei Fisch Asset Management.

Dies werde durch die verhältnismäßig steilen Zinskurven im Bereich zwischen drei Monaten und zehn Jahren bestätigt. Historisch sei es vor einer Rezession stets zu einer vollständigen Abflachung oder sogar einer Inversion gekommen. Die FED und die EZB würden in ihrer Geldpolitik aber deutlich restriktiver. Insbesondere stehe ein massiver Bilanzabbau der US-Notenbank (durch Verkäufe von Staatsanleihen) ab Juni bevor. Die daraus folgende direkte Verminderung der Geldmenge dürfte stark negative Auswirkungen sowohl auf die Konjunktur als auch auf die Börsen haben, denn Geldmengenveränderungen seien viel wirksamer als Zinserhöhungen. Die Erfahrung aus früheren Zyklen zeige jedoch, dass die Wirkung erst mit einer zeitlichen Verzögerung von drei bis sechs Monaten eintrete.

Die Realzinsen (FED Funds Rate minus Inflationsrate) seien zudem derzeit noch tief beziehungsweise sogar klar negativ. Dies wirke auf die Konjunktur und die Aktienmärkte stark unterstützend. Ab September drohe aber eine bedeutende Verschlechterung. Bis dann würden die nominalen FED Funds Rates weiter angehoben und die Inflationsraten sollten deutlich tiefer liegen, was einen starken Anstieg der Realzinsen ergebe. Falls sich die Aktien- und Kreditmärkte im oben geschilderten Umfeld in den kommenden Wochen positiv entwickeln würden, gleichzeitig aber die Zinsen steigen würden und die Liquidität durch die Notenbanken reduziert werde (Bilanzreduktion), drohe eine dem Jahr 1987 vergleichbare Entwicklung. Damals habe sich ebenfalls eine gefährliche Spannung zwischen steigenden Bewertungen der Aktienmärkte und gleichzeitigem "Sauerstoffentzug" durch die Geldpolitik aufgebaut. Diese Divergenz habe damals zu einer heftigen Marktkorrektur geführt, allerdings zeitlich sehr begrenzt und ohne Rezession.

Insgesamt wirke damit kurzfristig eine Reihe positiver Faktoren bei einem mittelfristig sich deutlich verschlechternden Umfeld. Viel Negatives sei kurzfristig eingepreist, während die negativen Folgen der Bilanzverkleinerung durch die FED nach Ansicht der Experten von Fisch Asset Management unterschätzt würden. Deshalb könne das aktuelle Umfeld als "Ruhe vor einem möglichen Sturm" bezeichnet werden. Die Chancen und Risiken seien damit weiterhin sehr asymmetrisch verteilt. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Faktor sei der Ukrainekrieg. Dieser sei in der direkten Bedeutung für die Finanzmärkte zwar weiter in den Hintergrund gerückt. Aber die Risiken dürften hier deutlich unterschätzt werden. Denn die Gefahr einer erneuten Eskalation bleibe hoch, da Russland immer stärker in die Enge getrieben werde und seine ursprünglichen Ziele klar verfehle. Dies könne zu nur schwer abzuschätzenden Befreiungsschlägen führen mit stark negativen Folgen für die globalen Märkte. (08.06.2022/alc/a/a)