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"Restenergie" im System nimmt ab


06.02.24 10:11
Fisch Asset Management

Zürich (www.anleihencheck.de) - Verschiedene bisher stark unterstützende Faktoren für die Konjunktur wie auch die Finanzmärkte werden sich in absehbarer Zeit deutlich abschwächen, so Beat Thoma, CIO bei Fisch Asset Management in Zürich.

Insbesondere werde eine seit April des vergangenen Jahres an den Börsen wirksame Liquiditätsquelle, die 'Overnight Reverse Repo Facility' (Überschussreserven der Banken bei der FED), bald vollständig austrocknen. Es handele sich hier zwar um eine in den USA lokalisierte Liquiditätsquelle, die sich allerdings indirekt auf die globale Geldversorgung auswirke.

Zudem seien auch die bisher enorm hohen Überschussersparnisse der privaten Haushalte in den USA in absehbarer Zeit aufgebraucht. Damit würden die weiterhin restriktive Geldpolitik der Notenbanken und die sich abschwächenden Arbeitsmärkte wieder stärkeren Einfluss gewinnen. Allerdings befinde sich aktuell noch genügend 'Restenergie' im System, die größere Turbulenzen verzögern oder dämpfen könne.

Das Wachstum in den USA habe sich im vierten Quartal auf 3,2% abgeschwächt von 5,1% im Vorquartal. Die Eurozone wiederum sei bereits nahe an einer Rezession. Der Frühindikator des 'Conference Board' signalisiere zudem für die USA eine weitere Abkühlung. Eine Normalisierung des hohen, durch Sonderfaktoren getriebenen Wachstums in den USA sowie eine Entspannung an den Arbeitsmärkten seien aber grundsätzlich wünschenswert und würden (auch global) mittelfristig zins- und inflationsdämpfend wirken. Damit werde ein Einpendeln auf einem langfristigen, soliden Gleichgewicht hinsichtlich Konjunktur, Inflation und Zinsen ermöglicht.

Auf dem Weg dazu könne es aber aufgrund der erwähnten abnehmenden positiven Faktoren vorübergehend zu Störungen und erhöhter Marktvolatilität kommen. Zudem erscheine die Geldpolitik sowohl der FED als auch der EZB etwas zu restriktiv. Der Fokus liege immer noch auf der Inflationsbekämpfung (trotz deutlich fallender Raten) und nicht auf potenziellen Liquiditätskrisen. Und auch die Bank of Japan dürfte bald auf einen restriktiveren Kurs einschwenken. Das erhöhe insgesamt die kurzfristigen Gefahren an den Börsen. Allerdings bestehe im Fall von Turbulenzen ein großer Handlungsspielraum für monetäre Lockerungen und das Einschießen von Notfallliquidität.

Die Experten würden derzeit ein günstiges Umfeld für Unternehmensanleihen sehen. Einerseits würden die Unternehmen noch von der erwähnten konjunkturellen Restenergie profitieren. Gleichzeitig dürfte eine abkühlende Konjunktur- und Inflationsdynamik für tiefere Zinsen sorgen. Ferner würde im Fall einer stärkeren wirtschaftlichen Abkühlung der negative Effekt steigender Credit Spreads durch schnell fallende Zinsen kompensiert, insbesondere bei Schuldnern mit besserer Bonität. Zudem würden die Notenbanken ihre Geldpolitik sehr schnell lockern und allenfalls sogar wieder die Geldmengen und Bilanzen erhöhen. Und die ansprechenden laufenden Renditen würden einen zusätzlichen Risikopuffer bieten.

An den Aktienmärkten seien aktuell viele positive Erwartungen eingepreist. Aufgrund der noch positiven, aber sich abschwächenden oben genannten Faktoren könne es deshalb jederzeit zu Enttäuschungen kommen. Aktienexposure würden die Experten deshalb nur über Wandelanleihen nehmen. Hier bestehe aktuell ein interessantes und stark asymmetrisches Chancen-/Risiko-Verhältnis. Die Wandelanleihenstrategien der Experten seien derzeit neutral positioniert, aber mit einem Fokus auf Kreditrisiken. Insgesamt erscheine es sinnvoll, einen Teil der liquiden Mittel für Investments noch zurückzuhalten, um im Fall einer Marktkorrektur auf tieferem Niveau einzusteigen. (06.02.2024/alc/a/a)