Erweiterte Funktionen

Rentenmarkt: Zinserhöhungsreigen setzt sich fort (außer in Japan)


20.06.22 09:45
Union Investment

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - In der Berichtswoche (Kalenderwoche 24) kam es an den Staatsanleihemärkten erneut zu Verlusten, so die Experten von Union Investment.

In Europa sei die richtungsweisende zehnjährige Bundrendite zeitweise bis auf 1,75 Prozent gestiegen und habe Freitagmittag mit 1,64 Prozent um 14 Basispunkte höher als zum Vorwochenschluss gelegen. Die deutsche Zinsstrukturkurve habe sich über sämtliche Laufzeiten nach oben verschoben. Der Renditeanstieg sei am deutlichsten im Bereich zwischen drei Monaten und einem Jahr ausgefallen, da sich die restriktivere Geldpolitik in erster Linie am kurzen Ende der Kurve auswirke. Dort seien die Renditen um bis zu 27 Basispunkte und damit fast doppelt so stark wie am langen Ende gestiegen.

Nachdem der Rentenmarkt den Zinsschritt der Europäischen Zentralbank vom Ende der vergangenen Woche verdaut habe, sei in den letzten Tagen die Anspannung bis zum Zinsentscheid der US-Notenbank FED wieder angestiegen. Dabei seien die Erwartungen in Bezug auf die Höhe des Zinsschritts bereits hoch gewesen. Angesichts der hartnäckigen US-Inflation von 8,6 Prozent im Mai sei klar gewesen, dass die FED auf ihrer Offenmarkt-Sitzung Nägel mit Köpfen machen würde. Am Mittwochabend habe sie dann das Zielband für die FED Funds Rate deutlich um 75 Basispunkte auf 1,50 bis 1,75 Prozent angehoben. An der anhaltend hohen US-Inflation sollte dieser Zinsschritt nach Ansicht der Experten erst einmal nichts ändern. Doch dürfte es der FED argumentativ schwer fallen, bereits bei ihrer nächsten Sitzung im Juli wieder einen gemäßigteren Schritt von 50 Basispunkten zu machen.

Die Unsicherheit über den weiteren Zinspfad - sowohl bezüglich des Ausmaßes der Schritte, als auch bezüglich des Höhepunktes im Zinszyklus - sei spürbar gestiegen. Vor diesem Hintergrund und unserer Prognose einer noch länger anhaltenden hohen Inflation sehen wir ein Risiko, dass die FED mit ihrer Zinspolitik überschießt und das US-Wachstum zu stark belastet, so die Experten von Union Investment.

Am US-Staatsanleihemarkt sei es in der Berichtswoche zu Einbußen gekommen, jedoch habe sich der Renditeanstieg am langen Ende in Grenzen gehalten. US-Schatzanweisungen mit Fälligkeit in zehn Jahren hätten am Freitagmittag bei 3,2 Prozent und damit nur rund sechs Basispunkte über der Vorwoche rentiert. Die Zinskurve habe sich aber über die kurzen Laufzeiten bis drei Jahre versteilert. Der stärkste Renditeanstieg habe im Einjahres-Bereich stattgefunden, hier habe die Rendite um rund 43 Basispunkte auf 2,95 Prozent angezogen. Im Segment zwischen drei und zehn Jahren sei die US-Zinskurve zurzeit sogar invers.

In Europa habe die Europäische Zentralbank (EZB) am Mittwoch überraschend eine Sondersitzung angesetzt, nachdem die Renditen italienischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit zum ersten Mal seit 2014 die vier-Prozent-Marke überschritten hätten. Der Renditeaufschlag gegenüber den laufzeitgleichen Bundesanleihen sei bis Anfang dieser Woche auf etwas mehr als 220 Basispunkte geklettert, so stark wie seit April 2020 nicht mehr. Die EZB habe nach der Sitzung bekannt gegeben, dass sie in Zukunft die Mittel aus fälligen Anleihen ihres PEPP-Anleihe-Ankaufprogramms flexibel reinvestieren werde, um die Peripherieländer zu unterstützen. Zudem sei ein neues geldpolitisches Instrument in Planung. Hierdurch solle die so genannte Fragmentierung des Euro-Rentenmarktes verhindert oder zumindest abgemildert werden. Daraufhin hätten sich Anleihen aus den Peripherieländern zumindest zeitweise erholt. Immerhin seien die Renditen von italienischen Staatsanleihen in den längeren Laufzeiten im Wochenvergleich gefallen, beispielsweise im zehnjährigen Bereich von 3,95 auf 3,65 Prozent.

Japans Zentralbank halte trotz steigender Inflation und Yen-Schwäche an ihrer lockeren Geldpolitik fest. Während fast alle anderen Zentralbanken weltweit auf Straffungskurs seien, habe die Bank of Japan (BoJ) wie erwartet heute nach ihrer turnusmäßigen Sitzung bekannt gegeben, ihre geldpolitischen Instrumente vorerst unverändert zu lassen. Der kurzfristige Zinssatz bleibe bei minus 0,1 Prozent und der langfristige bei etwa null. Die BoJ führe zudem ihre Käufe von Staatsanleihen und Aktien fort. Damit wolle sie die wachstumsschwache Wirtschaft unterstützen. Die Inflation in Japan sei zwar auch gestiegen, aber vor allem aufgrund der hohen Energiepreise. Ansonsten falle der Preisdruck in Japan immer noch niedrig aus.

Euro-Unternehmensanleihen sowie Schuldverschreibungen aus den Schwellenländern hätten sich dem Abwärtstrend auch in dieser Woche nicht entziehen können. Das inflationäre Umfeld und das Gegensteuern der Notenbanken hätten in der Berichtswoche in beiden Marktsegmenten zu Verlusten geführt, die Risikoprämien (Spreads) hätten sich dabei etwas ausgeweitet.

Der Euro sei im Wochenverlauf zum US-Dollar um einen Cent auf 1,05 US-Dollar je Euro gefallen. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung in der Euro-Peripherie insbesondere mit Blick auf Italien und die geplanten EZB-Maßnahmen im Kampf gegen die Fragmentierung dürften weiter für Zurückhaltung gegenüber Euro-Anlagen sorgen. Ganz zu schweigen von dem beherzten Zinsschritt, den die FED am Mittwoch gegangen sei.

In der kommenden Woche (Kalenderwoche 25) erwarten uns eine Vielzahl von Wirtschaftskennzahlen, so die Experten von Union Investment. Die Woche starte mit den aus Deutschland veröffentlichten Produzentenpreisen. Am Mittwoch werde dann mit Spannung der Verbraucherpreisindex aus dem Vereinigten Königreich erwartet. Gegen Ende der Woche stehe der ifo-Geschäftsklimaindex für Deutschland im Fokus. Aufgrund der anhaltenden Probleme infolge der hohen Inflationszahlen und Energiepreise sowie gestörten Lieferketten, Materialengpässen, Arbeitskräftemangel und zunehmenden Zinsbelastungen werde es im zweiten Quartal nicht einfacher für die deutsche Wirtschaft werden. Vor diesem Hintergrund dürfte der ifo-Index auch im Juni auf einem niedrigen Niveau verharren. (Ausgabe vom 17.06.2022) (20.06.2022/alc/a/a)