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Rentenmarkt: Krisen- und Wachstumsängste zeigen Wirkung


01.08.22 08:30
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Zum schwelenden Gas-Stopp-Szenario hat sich durch die Regierungskrise in Italien das Euro-Krisenszenario hinzugesellt, so die Analysten der Helaba.

Beide Szenarien hätten den gleichen Effekt auf Bundesanleihen. Sie würden durch die damit einhergehenden Konjunktursorgen sowie niedrigeren Zinserhöhungserwartungen renditesenkend wirken.

Die Anleger würden in die sicheren Anleihehäfen Deutschlands und der USA flüchten. Die Rendite 10-jähriger Bunds sei erstmals seit zwei Monaten wieder unter die 1%-Marke gesunken, die Rendite 10-jähriger US-Treasuries sei deutlich unter 3% gefallen. Auch beim Spread zwischen zweijährigen Bundesanleihen, die bei 0,25% notieren würden, und einjährigen Euribor-Geldmarktsätzen, die bei 1% liegen würden, sei zuletzt eine auffällige Ausweitung zu erkennen gewesen. Offenbar würden die Investoren Teile ihres Vermögens weniger den Geschäftsbanken anvertrauen, sondern suchen die Sicherheit von qualitativ hochwertigen Staatsanleihen, was inzwischen aber mit einer recht hohen Prämie verbunden sei. Besonders groß seien diese Bewegungen übrigens in der Finanzkrise und der Euro-Schuldenkrise gewesen.

Unsere Modelle zeigen für Bunds sowie 10-jährige US-Treasuries eine Abweichung von den errechneten Normalwerten von rund einem halben Prozentpunkt, so die Analysten der Helaba. Wie lange diese Renditeabweichungen anhalten würden, hänge maßgeblich vom Einfluss und den Wahrscheinlichkeiten der Negativszenarien ab.

Die politische Lage in Italien dürfte bis zu den Parlamentswahlen angespannt bleiben - vielleicht auch darüber hinaus. Auch die konjunkturbelastende Gas- bzw. Gaspreiskrise wird uns vermutlich länger begleiten, so dass Bundesanleihen trotzt Zinsanhebungen der EZB ihr "Inflationspotenzial" nicht ausreizen dürften, so die Analysten der Helaba.

Angesichts des sich eintrübenden Konjunkturausblicks beiderseits des Atlantiks würden die Analysten die Renditeprognosen für Bundesanleihen und US-Treasuries senken. Für das Jahresende würden sie bei Bunds von einer Rendite von 1,4% ausgehen. Die 10-jährigen Swapsätze dürften bei 2,1% notieren. 10-jährige US-Staatsanleihen sollten in Verbindung mit den noch folgenden Zinsanhebungen der Fed wieder die 3%-Marke erreichen.

Für die EZB würden die kommenden Monate zum Lackmusstest ihrer "neuen" Geldpolitik: Halte sie trotz wachsender Konjunkturunsicherheiten ihren avisierten Kurs? Gelinge ihr dies, werde sie an Reputation zurückgewinnen. Falle sie hingegen in alte Muster zurück, verliere sie wohl nachhaltig an Glaubwürdigkeit, was ihr die Arbeit in den kommenden Jahren erschweren dürfte. Die EZB habe mit TPI ein Instrument geschaffen, um den eingeschlagenen Zinserhöhungspfad vor nicht inflationsrelevanten Themen abzuschirmen. Sie sollte die Chance nutzen und zeigen, dass sie es mit dem Inflationsmandat ernst meine. (Ausgabe vom 29.07.2022) (01.08.2022/alc/a/a)