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Rentenmarkt: Fokus auf die Geldpolitik


09.11.22 08:54
Postbank Research

Bonn (www.anleihencheck.de) - Die Briten bleiben speziell: Während in den USA Jerome Powell, Chef der Notenbank Federal Reserve (FED), die Märkte davor warnt, das Ausmaß weiterer Leitzinserhöhungen zu unterschätzen, sendet die Bank of England (BoE) die gegenteilige Botschaft aus, so die Analysten von Postbank Research.

Die Währungshüter von der Insel hätten zwar wie erwartet ihren Leitzins ebenfalls um 75 Basispunkte auf 3% erhöht. Gleichzeitig hätten sie jedoch ungewöhnlich explizit erklärt, dass sie die Markterwartungen zum Ausmaß zukünftiger Erhöhungen für deutlich zu hoch halten würden. Das sei insofern erstaunlich, weil diese bereits von rund 6% Anfang Oktober auf 4,75% gesunken seien. Zum Vergleich: Zum Zeitpunkt der FED-Warnung hätten die Märkte einen US-Zielzinssatz von 5% eingepreist.

Die BoE sorge sich um die Refinanzierung von Immobilienkrediten. Etwa zwei Millionen Haushalte müssten eine Anschlussfinanzierung bis Ende 2023 abschließen, weshalb die Währungshüter offenbar moderatere Zinsschritte erwägen würden - die aus Sicht der Märkte langfristig höhere Inflationsraten zur Folge haben könnten. Angesichts dieses Szenarios hätten die Renditen 30-jähriger Staatsanleihen um rund 20 Basispunkte auf zuletzt rund 3,8% zugelegt.

Unterdessen bleibe die US-Notenbank FED auf Kurs. In ihrem Statement zu den geldpolitischen Entscheidungen Anfang November hätten die FED-Vertreter aber eingeräumt, dass es einige Zeit dauern könnte, bis sich die 2022 beschlossenen Leitzinserhöhungen in der Realwirtschaft niederschlagen würden. Der Offenmarktausschuss werde diese Verzögerungen berücksichtigen. Die Marktakteure hätten dies als Hinweis darauf gewertet, dass die FED die Zinssätze künftig in kleineren Schritten anheben könnte. Am Geldmarkt sei in einer ersten Reaktion eine Leitzinserhöhung von nur noch 50 Basispunkten im Dezember eingepreist worden. Die Renditen der US-Staatsanleihen hätten aber nur kurzzeitig nachgegeben. Die Aussicht auf einen höheren finalen Leitzinssatz als bislang erwartet, habe die US-Renditen über alle Laufzeiten wieder nach oben getrieben.

Im Gegensatz zur FED-Sitzung hätten die meisten Analysten die der Europäischen Zentralbank (EZB) Ende Oktober als "taubenhaft" gewertet. Die deutliche Leitzinserhöhung um 75 Basispunkte sei rhetorisch entschärft worden. Außerdem würden die Währungshüter überraschend das Thema quantitative Straffung aussparten: Es bleibe vorerst unklar, wann die EZB mit dem Abbau ihrer Bilanz beginnen werde. Viele Marktteilnehmer würden nun mit einer Ankündigung Anfang nächsten Jahres und einem Beginn im 2. Quartal 2023 rechnen. Ungeachtet der Verschiebung würden die Unsicherheit bezüglich der Ausgestaltung des Straffungsprogramms sowie Rezessionsängste die Aussichten für Euro-Unternehmensanleihen mit guter und sehr guter Bonität (Investment Grade, IG) belasten: Der Zinsaufschlag für entsprechende Euro-Unternehmensanleihen gegenüber Bundesanleihen liege beinahe auf Corona-Niveau.

Damit könnten die Anleger aber zu pessimistisch liegen. Zum einen dürfte die EZB nicht aktiv Unternehmensanleihen verkaufen, sondern nur fällig werdende Beträge nicht vollständig reinvestieren. Die Nachfrage nach IG-Unternehmenspapieren würde nach Einschätzung der Deutschen Bank um rund 25 Milliarden Euro sinken - das sollte aber nicht ausreichen, um den Zinsaufschlag maßgeblich anzutreiben. Außerdem dürfte auch das Angebot an Unternehmensanleihen infolge der gestiegenen Kreditkosten sinken. Sobald die Unsicherheit am Markt nachlasse, könnte bei diesen Papieren eine Kurserholung einsetzen. (Kapitalmarktausblick November 2022) (09.11.2022/alc/a/a)