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Rentenmärkte: "Stabile Zinserhöhungen" zu erwarten


02.09.22 10:55
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen sind in den vergangenen Tagen weiter gestiegen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Zehnjährige Bunds würden nunmehr bei 1,61% und die entsprechenden T-Notes bei 3,20% rentieren. Der Anstieg der Renditen sei ausgelöst worden durch die wenigen Worte, die der FED-Chef Jerome Powell in Jackson Hole an seine gespannten Zuhörer gerichtet habe. Demnach werde die FED so lange ihre Zinserhöhungen fortsetzen, bis sie sicher sei, dass sich die Inflation zurückbilde. Dafür werde man auch höhere Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen.

Damit habe Powell diejenigen Marktbeobachter:innen enttäuscht, die schon antizipiert hätten, dass die FED ihr Zinsanhebungstempo erheblich drosseln würde, weil die letzte Inflationsrate etwas niedriger ausgefallen sei. Vielmehr sei mit dieser Rede die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass die FED am 21. September erneut den Leitzins um 75 BP anhebe.

Vorher sei allerdings die EZB am Zuge, und zwar am kommenden Donnerstag (08.09.). Hier habe der EZB-Chefvolkswirt Philip Lane nach Interpretation der Analysten deutlich gemacht, dass die EZB den Leitzins um 50 BP anheben werde und nicht, wie von einigen Analyst:innen ins Gespräch gebracht, um 75 BP. Lane habe von einem "stabilen Pfad" gesprochen und dazu würden nach Erachten der Analysten 75 BP nicht passen. Unumstritten sei die Haltung von Lane allerdings nicht. Der Notenbankchef Estlands (Inflation im August von 25,2%!) scheine dafür ebenso zu sein wie der niederländische Zentralbankpräsident Klaas Knot (Niederlande: 13,6% Inflation).

Isabel Schnabel habe in Jackson Hole von einer "kraftvollen" Aktion der EZB gesprochen, aber vermutlich sei damit ein 50 BP-Schritt gemeint. Der August-Anstieg der Inflationsrate in der Eurozone von 8,9% auf 9,1% im Juli spiele den Falken in jedem Fall in die Hände. Gleichzeitig sei aber festzustellen, dass die Inflationserwartungen noch relativ gut verankert seien. Gemäß 5-Jahres-Inflationsswap würden die Anleger in fünf Jahren eine über fünf Jahre durchschnittliche Inflation von 2,45% erwarten. Weiter habe die letzte Umfrage der EZB bei Analysten ergeben, dass diese in fünf Jahren eine Teuerung von 2,15% antizipieren würden.

Vor diesem Hintergrund würden sich vermutlich Lane und mit ihm Notenbankchefin Christine Lagarde durchsetzen und den Leitzins "nur" um 50 BP anheben.

Der jüngste explosionsartige Anstieg der Strompreise, der unter anderem an den Strombörsen in Deutschland, Frankreich und Italien zu beobachten sei, spreche allerdings dafür, dass die Inflation in den nächsten Monaten weiter steigen und knapp an die 10%-Marke heranreichen dürfte. Daher dürfte die EZB den Leitzins auch 2023 weiter erhöhen. Bis Ende 2023 sollte der Leitzins mindestens bei 2,5% liegen.

Die Ursache für die hohen Strompreise lägen unter anderem in den hohen Erdgaspreisen, da Gaskraftwerke die Grenzanbieter am Strommarkt seien. Hier könnte weiterer Aufwärtsdruck aufkommen, da Russland für die Zeit vom 31.08. bis 02.09. die Zulieferung von Erdgas durch die Pipeline North Stream 1 wegen angeblicher Wartungsarbeiten gestoppt habe und Unsicherheit darüber bestehe, ob danach die Zulieferung (zuletzt bei 20% der Kapazität) wieder aufgenommen werde. Immerhin würden sich die Erdgaslager in Deutschland relativ zügig füllen. Man sei mittlerweile bei 82% der Lagerkapazität angelangt.

Beachten sollte man auch das Ergebnis des OPEC-Treffens am Montag (05.09.), nachdem Saudi-Arabien angedeutet habe, dass es bereit sei, die Förderquoten zu kürzen, um den Ölpreis zu stabilisieren. Wahrscheinlich habe die OPEC derzeit aber gar nicht so einen großen Einfluss auf den Ölpreis, sondern es dürften (neben der aktuell steigenden Rezessionsangst, die den Preis gerade drücke) zwei andere Faktoren sein, die allerdings gegeneinander laufen würden. Das eine sei der Iran-Abkommen. Hier gebe es wohl berechtigte Hoffnungen, dass es in den nächsten Wochen zu einer Einigung mit den USA und der EU kommen könnte und das würde bedeuten, dass in nächsten Monaten mehr Öl auf den Markt kommen würde. Auf der anderen Seite stünden die extrem hohen Gas- und Strompreise und wenn diese so hoch bleiben würden, dann würden sie über kurz oder lang auch die Ölpreise mit nach oben ziehen.

Auch am 05.09. werde in Großbritannien innerparteilich darüber entschieden, ob Rishi Sunak oder Liz Truss der neue Staatschef bzw. die neue Staatschefin werde. Laut Wettbüros sei der Sieg von Liz Truss so gut wie sicher. In den USA sei an diesem Tag hingegen Labor day, sodass die Handelswoche verkürzt sei. Am nächsten Freitag (09.09.) sei ein EU-Sondergipfel angesetzt, bei dem unter anderem diskutiert werde, ob eine Obergrenze für den Preis von Erdgas gesetzt werden solle, das aus Russland importiert werde. Auch wenn dies grundsätzlich keine schlechte Idee sei, dürfte die Maßnahme zu diesem Zeitpunkt vermutlich dazu führen, dass der russische Präsident noch früher als geplant der EU den Erdgashahn komplett abdrehe.

Datenseitig sei auf den heutigen (02.09.) Arbeitsmarkbericht aus den USA zu achten. Der bereits erschienene ADP-Beschäftigungsbericht deute eine kräftige Verlangsamung des Beschäftigungswachstums an (132.000 im August versus 268.000 im Juli), sodass die offiziellen Payroll-Zahlen vermutlich ebenfalls zurückgegangen sein dürften.

Wichtig seien auch die Großhandelspreise in der Eurozone (02.09.), deren Jahresanstieg im Juni bei 36% gelegen habe, was auf weiteren Inflationsdruck auf der Konsumentenebene hinweise. Vor diesem Hintergrund überrasche es nicht, dass der Einzelhandelsumsatz (bereinigt um die Inflation) in den vergangenen Monaten gesunken sei und vermutlich auch im Juli erneut gesunken sein werde (05.09.). (Ausgabe vom 01.09.2022) (02.09.2022/alc/a/a)