Rentenmärkte: Inflation first


17.06.22 12:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der zehnjährigen Bundesanleihen liegen mittlerweile bei 1,81% und auch die Renditen der Pendants aus den USA sind weiter gestiegen und sind jetzt bei 3,44%, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

Der Anstieg habe im Zusammenhang mit der gestrigen FED-Notenbanksitzung (15.06.) stattgefunden. Eigentlich hätten viele Beobachter (auch die Analysten) mit einer Zinserhöhung von 50 Basispunkten gerechnet. Stattdessen habe die FED viele Investoren mit einem Anstieg um 75 Basispunkte überrascht und den Leitzins auf 1,75% (obere Grenze) erhöht. Zuletzt habe man 1994 einen derartig großen Sprung gewagt. Der nächste Zinsschritt könne je nach den eingehenden Daten, insbesondere den Inflationsdaten, zwischen 50 und 75 Basispunkten liegen. Für das Jahresende projiziere die FED nunmehr ein Leitzinsniveau von rund 3,5%, das dann im kommenden Jahr auf 4% steigen könnte. Auslöser für die unerwartet starke Anhebung seien die am Montag veröffentlichten Inflationszahlen und die höheren Inflationserwartungen (Michigan-Umfrage) gewesen.

Das Umdenken der FED in Richtung eines verstärkten Kampfes gegen die Inflation sei noch durch die geänderten Projektionen unterstrichen worden. So erwarte man nunmehr für das laufende Jahr eine wesentlich höhere PCE-Inflation von 5,2% (bisher: 4,3%), während das Wachstum sich auf 1,7% (bisher: 2,8%) abschwächen sollte. In diesem Zusammenhang habe man auch die Prognose für die Arbeitslosenrate angehoben und erwarte einen Anstieg der Arbeitslosenrate auf 3,9% im nächsten Jahr, während man vorher von unverändert niedrigen 3,5% ausgegangen sei.

Diese Projektionen würden eine große Aussagekraft über die Prioritätensetzung der FED bergen: Die Inflation müsse bekämpft werden, koste es was es wolle. Notenbankchef Jerome Powell habe bei der Pressekonferenz zwar immer wieder betont, dass man das Inflationsziel erreichen wolle bei einem gleichzeitig stark bleibenden Arbeitsmarkt. Aber insgesamt sei sehr deutlich geworden, dass die FED im Zweifel der Bekämpfung der Inflation den Vorrang geben würde. Wenn also beispielsweise die Inflation auf 9% stiege, während die Arbeitslosenrate auf 5% springen würde, würde die FED die Leitzinsen weiter erhöhen.

Im Raum habe die Frage gestanden, warum die FED den Märkten bei der letzten Sitzung eine relativ klare Guidance gegeben habe, dass der Leitzins um 50 Basispunkte erhöht werde, um jetzt mit 75 Basispunkten zu überraschen. Die Erklärung liege offensichtlich darin, so habe es Powell gesagt, dass die überraschend hohe Inflationszahl für Mai am vergangenen Montag (13.06.) während der Blackout-Periode erschienen sei, wenn die Notenbanker sich nicht mehr zur Geldpolitik äußern dürften. Stattdessen habe man wohl den Weg gewählt, Gerüchte über einen größeren Zinsschritt so zu streuen, dass sie von einigen Medien aufgegriffen worden seien.

Bemerkenswert seien auch die Äußerungen Powells zur Inflation gewesen. In der Regel betrachte die FED vor allem die Kerninflation (Teuerungsrate ohne Energie und Lebensmittel), weil sie am ehesten den Trend der Inflation darstelle und von der Notenbank am ehesten gesteuert werden könne. Powell habe jetzt aber die Inflationserwartungen betont und diese würden von der Gesamtinflationsrate bestimmt werden ("die Leute wissen nicht, was die Kernrate ist"). Der leichte Rückgang der CPI-Kerninflationsrate im Mai habe die FED daher nicht beeindruckt, da die Gesamtinflationsrate weiter angestiegen sei. Dadurch gewinne der Gesamt-CPI an Bedeutung, wenn es darum gehe, zu ergründen welchen Umfang die nächste Zinserhöhung haben könnte.

Klar sei auch geworden, dass sich aus der Sicht der FED die Abwärtsrisiken verstärkt hätten. Wörtlich habe Powell gesagt: "Der Schwierigkeitsgrad hat sich erhöht, es gibt mehr Faktoren, die wir nicht kontrollieren, die wir nicht kennen." Alles in allem habe Powell sehr deutlich gemacht, dass die höchste Priorität darin bestehe, die Inflation wieder auf 2% zu bringen ("wir dürfen in dieser Hinsicht nicht versagen").

Die EZB sei auch nicht ganz untätig gewesen und habe auf einem überraschenden Sondertreffen beschlossen, das man die Entwicklung von Antifragmentierungsinstrumenten beschleunigen werde. Die Spreads der italienischen Bonds hätten sich zunächst deutlich eingeengt, seien dann aber wieder auseinandergegangen, als letztlich kein Ergebnis habe präsentiert werden können.

Derweil führe Russland in Deutschland offensichtlich scheibchenweise ein Erdgasembargo ein. Am Montag (13.06.) habe Gazprom die Erdgaslieferungen durch die Pipeline North Stream 1 um 40% reduziert, zwei Tage später sei eine weitere Reduktion gefolgt, so dass mittlerweile 60% weniger Erdgas durch die Pipeline fließe als sonst. Die offizielle Begründung seien Reparaturarbeiten, aber es fehle nicht viel Fantasie, um politische Motive dahinter zu vermuten. Robert Habeck sage zwar, dass die Versorgung weiterhin gesichert sei, gleichzeitig sei die Lage aber ernst und er rufe zu Energiesparen auf. Wenn man tatsächlich bald kein Erdgas mehr aus Russland beziehen könne, dann ließe sich eine Rezession, wie sie die Bundesbank für diesen Fall kalkuliert habe, wohl nicht mehr vermeiden, das wäre ein Minus von 3,2% im kommenden Jahr.

Zu achten sei ansonsten auf die Corona-Sommerwelle, die nichts Gutes für den Herbst verspreche, sowie die scheinbar drückende militärische Überlegenheit Russlands im Donbass, während am 16.06. Bundeskanzler Olaf Scholz, Ministerpräsident Mario Draghi und Präsident Emmanuel Macron in Kiew gewesen seien.

Datenseitig erwarte man in der kommenden Woche die Schnellschätzungen der PMI-Einkaufsmanagerindices für den laufenden Monat, unter anderem für die Eurozone (23.06.) sowie der ifo-Index (24.06., ebenfalls Juni). (Ausgabe vom 16.06.2022) (17.06.2022/alc/a/a)