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Rentenmärkte: Hohe Volatilität Zeugnis von Verunsicherung


08.09.22 10:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der Staatsanleihen aus den USA und Deutschland schwankten in den vergangenen Tagen relativ stark, ohne dass sich eine eindeutige Richtung abzeichnet, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährigen Bunds würden derzeit bei 1,58% rentieren, hätten zwischenzeitlich jedoch 1,64% erreicht. Die entsprechenden T-Notes-Renditen hätten zeitweise sogar bei 3,35% gelegen, seien dann jedoch auf aktuell 3,25% gesunken. Begleitet worden seien diese Bewegungen von tagelang sinkenden Aktienmärkten, die sich in den USA erst in den vergangenen 24 Stunden wieder zu erholen begonnen hätten. Beim DAX habe die Erholung - mit kräftigen Schwankungen - bereits am Montag (05.09.) eingesetzt.

Insgesamt zeuge diese Entwicklung von einer großen Verunsicherung, insbesondere hinsichtlich der künftigen Entwicklung in Europa. Die Ankündigung Russlands, dass bis auf Weiteres kein Erdgas durch die Pipeline North Stream 1 fließen werde - ursprünglich sei eine dreitägige Wartung bis zum 02.09. angekündigt worden - habe die Erdgaspreise wieder nach oben geschickt. Gleichzeitig habe das Entlastungspaket der Bundesregierung die Gemüter nicht beruhigen können, weil darin konkrete Maßnahmen für die Wirtschaft nur am Rande auftauchen und bislang unterdimensioniert erscheinen würden.

Dass in China die Exporte lahmen würden, sei ein weiterer Indikator dafür, dass es um die Weltwirtschaft nicht sonderlich gut bestellt sei. Gleichzeitig müsse man sich aber auch darüber klar sein, dass Chinas Schwäche ihr Gutes habe: China frage in dieser Situation weniger Rohstoffe nach wie beispielsweise Industriemetalle und Erdöl. Tatsächlich seien die Preise für diese Rohstoffe in den vergangenen Wochen gesunken und dies diene daher als natürlicher Konjunkturstabilisator.

Unsicherheit herrsche auch hinsichtlich der Entscheidungen der EZB und der FED. Hinsichtlich der heutigen (08.09.) EZB-Zinsentscheidung könnte es möglicherweise doch zu einer Anhebung des Leitzinses um 75 BP kommen, auf jeden Fall sei der Widerstand dagegen in den öffentlichen Äußerungen nicht so ausgeprägt gewesen.

Morgen (09.09.) finde ein EU-Sondergipfel statt. Dort gehe es unter anderem um einen Vorschlag der EU-Kommission, eine Preisobergrenze für Erdgas aus Russland einzuführen und auf diese Weise die Einnahmen Russlands zu begrenzen und gleichzeitig die Explosion der Gaspreise zu limitieren. In Reaktion auf dieses Vorhaben habe Russland damit gedroht, in diesem Fall die Gashähne nach Europa komplett zuzudrehen. Das Drohpotenzial sei insgesamt nicht mehr ganz so groß, weil der Zufluss ohnehin schon massiv reduziert worden sei. Die EU spreche von einem Anteil Russlands am gesamten Gasverbrauch der EU von 9% gegenüber 40% vor dem Krieg. Einige osteuropäische Länder seien aber weiterhin relativ stark abhängig von russischem Erdgas.

Von daher sei nicht klar, wie die Debatte ausgehen werde. Sollte die EU eine Preisobergrenze einführen, könnte es gut sein, dass Präsident Putin seine Drohung wahr mache und die Gaspreise auf dem Weltmarkt auf diese Weise erneut steigen würden, statt zu sinken. Außerdem drohe Russland damit, die Getreideexporte aus der Ukraine zu behindern, was die Weizenpreise bereits nach oben bewegt habe. In der Diskussion sei auf der G7-Ebene auch eine Preisobergrenze für Erdöl. Die Erdölpreise würden derzeit sinken, das dürfte aber vor allem mit den zunehmenden Rezessionserwartungen zu tun haben.

Derweil werde verstärkt eine Insolvenzwelle unter anderem in Deutschland befürchtet. Das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle gehe von einer Trendwende bei den Insolvenzzahlen aus und berichte, dass im August die Insolvenzfälle um 26% gegenüber dem Vorjahr gestiegen seien. Für Oktober werde eine weitere Steigerung erwartet.

Die Zahlen müssten eingeordnet werden: Im Jahr 2019 habe es pro Monat durchschnittlich 1.562 Insolvenzen gegeben. Von dort aus seien die Insolvenzzahlen trotz Corona im vergangenen Jahr auf 1.166 Insolvenzen pro Monat gefallen. Der bisherige Spitzenwert bei den Insolvenzen sei 2003 erreicht worden (Platzen der Internetblase habe Anfang 2000 begonnen). Wenn jetzt also die Zahl der Insolvenzen um 30 oder 40% steige, würden die absoluten Zahlen noch kein dramatisches Bild zeichnen. Aber: Viele kleinere Unternehmen würden schlicht ihren Betrieb einstellen. Sie würden in den Statistiken nicht auftauchen.

In der nächsten Woche würden in der Metall und Elektroindustrie in Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und dem Saarland die Tarifverhandlungen beginnen und die Gewerkschaft IG Metall gehe mit einer Lohnforderung von 8% in die Verhandlungen. Ende nächster Woche am Freitag sei Hexensabbat bzw. großer Verfallstag an den Futuremärkten, was in diesem Umfeld auch eine größere Volatilität an den Aktienmärkten auslösen könne. Datenseitig sei auf die Inflationsdaten für August in den USA zu achten (13.09.) sowie auf die Industrieproduktion in Frankreich und Spanien (Juli, 09.09.), aber natürlich auch in den USA (15.09.). Ende nächster Woche (16.09.) werde eine Reihe von China-Daten veröffentlicht (Industrieproduktion, Einzelhandel, Bauaktivität, alles August). (08.09.2022/alc/a/a)