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Rentenmärkte: "Gieriges Biest" gezähmt


02.02.24 08:52
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Nach einem Monat tendenziell steigender Renditen ist in den vergangenen Tagen bei den Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen in den USA und Deutschland der Rückwärtsgang eingelegt worden, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Aktuell würden die langfristigen Bunds bei 2,21% und die T-Notes bei 3,95% liegen. Der letzte Schub nach unten sei ausgelöst worden durch fallende Aktienkurse, die auf die für viele Beobachter enttäuschende FED-Sitzung reagiert hätten. Auch die Meldung der Regionalbank New York Community Bancorp über einen Verlust im vergangenen Jahr und eine damit einhergehende deutliche Dividendenkürzung habe Anleger verunsichert. Dazu sei noch die vertiefende Involvierung der USA in den kriegerischen Konflikt im Nahen Osten gekommen, nachdem die ersten Todesopfer der US-Armee in Jordanien vermeldet worden seien. Die Talfahrt der Konjunktur der Eurozone gebe den Anlegern ebenfalls Grund zur Sorge. Zwar habe die Eurozone als Ganze laut Q4/2023 BIP-Zahlen einer Rezession knapp entgehen können, jedoch sei Deutschland als größte Volkswirtschaft mit -0,3% stärker geschrumpft, während Frankreich als zweitgrößte Volkswirtschaft gerade so stagniert sei. Die Einzelhandelsumsätze für Deutschland seien gefallen, und die Inflation sei schwächer als erwartet ausgefallen.

Hinsichtlich des März-Meetings dürften die Inflationszahlen Eurozone entscheidender sein, wobei selbst hawkische Vertreter der EZB, wie Joachim Nagel, von Zinssenkungen sprechen würden, die irgendwann in diesem Jahr anstehen könnten. In den USA sei die Debatte um Zinssenkungen einen Schritt weiter, dort gehe es nicht um ob, sondern wann. Die FED habe bei ihrer gestrigen Sitzung klar gemacht, dass eine Zinssenkung im März nicht ihr Basisszenario darstelle.

In den USA gebe es konjunkturell kaum Gründe für sinkende Renditen. Ein weiteres Argument für die Robustheit der US Wirtschaft hätten die prächtigen Arbeitsmarktdaten geliefert. Die Zahl der offenen Stellen sei im Dezember 2023 auf den höchsten Stand seit drei Monaten gestiegen, während die Zahl der Kündigungen den niedrigsten Stand seit Januar 2021 erreicht habe. Nach den starken BIP-Quartalszahlen von letzter Woche seien die jüngsten Veröffentlichungen Belege dafür, dass die US Wirtschaft wohl vorerst keine Rezession erleiden werde. Geopolitisch sehe es von der USA aus deutlich bedrohlicher aus. Nach Angriffen von Milizen, die vom Iran unterstützt würden und bei denen US-Soldaten in Jordanien getötet und ein Tanker im Roten Meer getroffen worden seien, seien die Wahrscheinlichkeit für eine deutliche Eskalation der Spannungen im Nahen Osten stark angestiegen.

Die Entwicklungen hätten US-Präsident Joe Biden erneut unter Druck gesetzt, in der Region die militärischen Operationen auszuweiten. Es werde abzuwarten sein, in welchem Umfang Gegenmaßnahmen der USA kommen würden. Die Renditen seien aber vor allem wegen der gesunkene Inflation gefallen, denn die PCE-Kernrate der Inflation habe im Dezember nur noch bei 2,9% gelegen. Gleichzeitig würden auch die Löhne nicht mehr so stark ansteigen, nämlich um 4,3%, dem niedrigsten Wert seit zweieinhalb Jahren. FED-Präsident Powell habe die Anleger jedoch enttäuscht, indem er weiterhin signalisiert habe, dass er den März-Termin nur dann für eine Zinssenkung in Betracht ziehe, wenn bis dahin entweder die Arbeitsmarktdaten sich massiv verschlechtern würden oder die Inflation noch mal kräftig sinken sollte.

In Europa sei die wirtschaftliche Lage deutlich angespannter als in den USA. Zwar sei das BIP der Eurozone im vierten Quartal 2023 knapp einer Rezession entkommen, aber die Entwicklung der beiden größten Volkswirtschaften, Deutschland (-0,3% QoQ) und Frankreich (0,0% QoQ), sei besorgniserregend. Die Währungsunion habe Ende 2023 nur deswegen eine Rezession vermieden, weil das Wachstum in Spanien (+0,6%) und Italien (+0,2%) besser als erwartet ausgefallen sei. Die Aussichten für 2024 würden jedoch schwierig bleiben, angesichts hoher Kreditkosten, einer schwachen Nachfrage im In- und Ausland sowie eines gedämpften Verarbeitenden Gewerbes. Fallende Einzelhandelsdaten für Dezember hätten das Bild weiter verschlechtert. Im Vergleich zum Vormonat seien die realen Umsätze um 1,6% zurückgegangen, nachdem sie im Vormonat bereits um 0,8% gesunken seien und den Marktkonsens von +0,7% deutlich verfehlt hätten. Die deutsche Verbraucherpreisinflation sei im Januar 2024 auf 2,9% im Jahresvergleich gesunken, unter dem Marktkonsens von 3,0% und die niedrigste Rate seit Juni 2021. Die Renditen der Bunds sei ebenfalls durch die verlangsamende Inflation gedrückt worden.

Die schwache Wirtschaft und die verlangsamte Inflation in der Eurozone würden grundsätzlich die Wahrscheinlichkeit von baldigen Zinssenkungen erhöhen. Die Märkte würden eine erste Zinssenkung bereits für April erwarten. So weit würde Bundesbankpräsident Joachim Nagel sicher nicht gehen, aber sogar Nagel - bekannt als besonders hawkisch - befürworte offensichtlich Zinssenkungen im Laufe des Jahres. Er habe zuvor die Inflation als "gieriges Biest" bezeichnet, aber jetzt glaube er, dass es gezähmt worden sei. EZB-Mitglied Peter Kazimir aus der Slowakei gehe noch weiter und sage, der nächste Schritt werde eine Senkung sein, und er sei in Reichweite, unabhängig vom genauen Zeitpunkt im April oder Juni. Die Analysten würden die erste Zinssenkung im Juni erwarten. Obwohl die FED-Mitglieder im vergangenen Jahr für 2024 drei Zinssenkungen prognostiziert hätten, bleibe Jerome Powell vage über den Zeitpunkt der ersten Senkung. Der März scheine in jedem Fall keine wahrscheinliche Option zu sein. Die Analysten würden auch hier die Juni-Sitzung als Zeitpunkt für die erste Zinssenkung erwarten.

Das Zögern der FED sei wahrscheinlich auf die weiterhin starken Arbeitszahlen zurückzuführen, die das Risiko wiederaufflammender Inflation in sich berge, die durch mögliche Lohnsteigerungen verursacht werden könnten. In diesem Zusammenhang würden die morgigen US-Arbeitsmarktdaten (02.02) von besonderem Interesse sein.

Ansonsten sei datenseitig in Europa die Zahlen für die Industrieproduktion (07.02., Dezember) zu achten. Diese dürften aus konjunktureller Sicht kaum Neuigkeitswert bieten, jedoch könnte der statistische Basiseffekt interessant sein. Nächste Woche werde die HCOB PMI für den Dienstleistungssektor (05.02., Januar) und den Bausektor (06.02., Januar) für die Eurozone veröffentlicht. Auftragseingänge für die deutsche Industrie (06.02., Dezember) stünden ebenfalls auf der Agenda. (Ausgabe vom 01.02.2024) (02.02.2024/alc/a/a)