Renten: Von Staatsverschuldung und Inflationsdynamik


06.06.22 10:00
Postbank Research

Bonn (www.anleihencheck.de) - Für Anleger könnten Zinspapiere langsam wiederinteressanter werden, so die Analysten von Postbank Research.

Das in US-Dollar berechnete Volumen negativ rentierender Anleihen sei bis Mitte Mai weltweit auf rund 2,7 Billionen US-Dollar gefallen - zu Jahresbeginn habe es noch bei 11,3 Billionen US-Dollar gelegen. Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) im 3. Quartal den Einlagenzinssatz von aktuell -0,5% auf 0,0% erhöhen, werde dieses Volumen weiter sinken.

Unter Rendite-Risiko-Gesichtspunkten könnten Schuldverschreibungen der Europäischen Union (EU) Anlegern eine interessante Perspektive bieten. Die EU sei wegen des im Zuge der Pandemie verabschiedeten Wiederaufbaufonds auf dem Weg, zu einem der größten Akteure am Euro-Anleihemarkt zu werden. Seit Juni 2021 habe die Staatengemeinschaft zur Finanzierung des Fonds Anleihen im Volumen von insgesamt rund 111 Milliarden Euro emittiert. Bis 2026 sei die Platzierung weiterer Bonds im Volumen von jährlich 150 Milliarden Euro geplant. Auch die Finanzierung von europäischen Finanzhilfen für die Ukraine könnte über Euro-Bonds gelöst werden. Da auch Deutschland mit seinem erstklassigen Rating hafte, würden die Papiere eine sehr gute Bonität aufweisen. Gleichzeitig würden die EU-Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit von 10 Jahren aktuell rund 60 Basispunkte höher als vergleichbare Bundesanleihen rentieren.

Steigende Renditen. Schlüsselvariable für die weitere Entwicklung von US-Staatsanleihen dürfte angesichts des weitgehend eingepreisten restriktiven Zinserhöhungszyklus der US-Notenbank Federal Reserve (FED) in den kommenden Monaten der Abbau der FED-Bilanz sein. Unter der Annahme, dass sich die Wachstumsdynamik der US-Wirtschaft abschwächt und die Inflation deutlich über dem FED-Ziel von 2% bleibe, prognostiziere die Postbank auf Sicht von 12 Monaten einen Renditeanstieg bei 10-jährigen Treasuries auf 3,25% und bei Papieren mit 2-jähriger Laufzeit auf 2,90%. Damit dürften sich die US-Renditen ihrem Höchststand im laufenden Zyklus nähern.

Da der Höhepunkt der Inflationsdynamik bereits erreicht sein könnte, gelte inzwischen ein nachhaltiger Anstieg der Realrenditen in den positiven Bereich ebenfalls als wahrscheinlich. Tatsächlich habe im April der Anstieg der US-Verbraucherpreise mit 8,3% im Vergleich zum Vorjahr leicht unterhalb des Vormonatswertes von 8,5% gelegen - habe allerdings die Markterwartungen (8,1%) verfehlt. Auch die Kerninflation habe überrascht und im Vormonatsvergleich entgegen den Prognosen wieder zugelegt: Die Preise ohne Energie und Lebensmittel seien um 0,6% geklettert - und hätten nach Veröffentlichung insbesondere die 2-jährige US-Staatsanleiherendite angeschoben.

Solange der Aufwärtsdruck auf die Renditen anhalte, seien Kursverluste für Investoren programmiert. Die Kurse globaler Papiere mit guter oder sehr guter Bonität (Investment Grade, IG) könnten durch eine schwächere Nachfrage aufgrund einer sich verschlechternden Stimmung an den Märkten beeinträchtigt und phasenweise stärker schwanken würden. Die Ausfallrisiken für bonitätsstarke Anleihen, die in US-Dollar denominiert seien, würden nach Einschätzung der Postbank vorerst aber gering bleiben.

Zunehmender Druck

Bei risikobehafteten Hochzinsanleihen (High Yield, HY) würden die Fundamentaldaten für die meisten Emittenten ebenfalls günstig bleiben. Jedoch nehme der Druck aufgrund steigender Kosten und Bedenken hinsichtlich der Lieferketten zu. Außerdem dürfte das USD-HY-Segment anfällig für hohe Inflationsraten und eine straffere geldpolitische Haltung der Zentralbanken bleiben. Bei in Euro denominierten HY-Anleihen rechne die Postbank auch auf Jahressicht mit erhöhten Renditeaufschlägen. (Perspektiven Juni 2022) (06.06.2022/alc/a/a)





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