Renten: Von Inflation, Notenbanken und Kriseninstrumenten


05.08.22 08:45
Postbank Research

Bonn (www.anleihencheck.de) - Angesichts des aktuellen Preisdrucks in den USA dürfte die US-Notenbank FED ihre Leitzinsen weiter anheben und maßgeblich die Entwicklung der US-Renditen beeinflussen, so die Analysten von Postbank Research.

Mit Argusaugen dürften Anleger am US-Rentenmarkt aktuell das Verhalten der US-Notenbank Federal Reserve (FED) bei der Straffung der Geldpolitik verfolgen. Einige Investoren würden damit rechnen, dass die FED nach den großen Leitzinsschritten der vergangenen Monate von bis zu 75 Basispunkten den Zinsanhebungszyklus noch 2022 auslaufen lassen könnte. Dafür müsste sich aber in den USA die Inflationsdynamik abschwächen.

Immerhin: Die aus inflationsindexierten US-Staatsanleihen abgeleiteten Inflationserwartungen seien vor allem kurzfristig stark zurückgegangen. Die sogenannte Breakeven-Inflationsrate für die kommenden zwei Jahre habe von fast 5% Ende März auf zuletzt knapp 3% deutlich nachgegeben. Anleiheinvestoren würden für die nächsten zwei Jahre von einer Preissteigerungsrate ausgehen, die signifikant unter den für Juni gemeldeten 9,1% liege. Auch die Privathaushalte würden mittelfristig nur noch 2,8% erwarten - ein 16-Monats-Tief.

Nach Einschätzung der Deutschen Bank seien aber noch nicht alle Bedingungen für ein Ende der Leitzinserhöhungen gegeben: Die Lohndynamik am US-Arbeitsmarkt sei weiter hoch und auch die Wohn- und Gesundheitskosten würden spürbar zulegen. Ein Kurswechsel der FED sei daher zum jetzigen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich - würde aber dazu führen, dass insbesondere die Renditen von US-Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit nachgeben könnten.

Aufs Tempo drücke die FED unterdessen beim Abbau ihrer während der Pandemie durch Anleihekäufe aufgeblähten Bilanzsumme. Bis 2024 könnte sich das Volumen der Staatsanleihen von aktuell 5,8 Billionen US-Dollar auf rund 4 Billionen US-Dollar reduzieren. Zusätzlich würden die Währungshüter auch ihren Bestand an mit Hypotheken besicherten Schuldverschreibungen stark abbauen. Obwohl die Bilanzsumme der FED 2024 immer noch gut ein Drittel größer sein dürfte als zu Beginn der Pandemie, sei ein derart schneller Portfolioabbau historisch einmalig.

Weil die Notenbank als Nachfrager am Markt ausfalle, könnten die Kurse von US-Staatsanleihen unter Druck geraten. Wachsende Rezessionssorgen und perspektivisch sinkende Inflationsraten könnten sich zwar positiv auf die Nachfrage von US-Treasuries auswirken - dürften aber das Ankaufvolumen kaum kompensieren. Ein weiterer substanzieller Rückgang der US-Renditen sei daher nicht sehr wahrscheinlich.

Unterdessen sei bei den Investoren am europäischen Rentenmarkt das neue Antifragmentierungs-Instrument, das die Europäische Zentralbank (EZB) Ende Juli präsentiert habe, nicht übermäßig gut angekommen. Das sogenannte Transmission Protection Instrument (TPI) ermögliche der EZB Ankäufe von Anleihen einzelner Staaten, falls deren Renditen aus nicht nachvollziehbaren Gründen steigen würden und die Transmission der Geldpolitik gefährde. Insbesondere Großanleger hätten auch mit Blick auf die Regierungskrise in Italien gehofft, dass das Programm an lockerere Bedingungen geknüpft sein würde.

Im Segment der Unternehmensanleihen würden sich ebenfalls die abnehmende Konjunkturdynamik und die sinkende Risikobereitschaft der Anleger bemerkbar machen. Die Risikoaufschläge gegenüber Staatsanleihen hätten sich seit Kriegsbeginn sowohl in den USA als auch in Europa stark ausgeweitet. Sie lägen teilweise sogar über den höchsten Pandemie-Niveaus von Anfang 2020. Da ein Großteil der Korrektur in dem Segment vollzogen sein könnte, habe sich das Risiko-Ertrags-Verhältnis von Corporate Bonds mit guter und sehr guter Bonität (Investment Grade, IG) verbessert. In der Eurozone würden IG-Papiere bei fast 3% rentieren und könnten für Anleger interessant sein. (Ausgabe Kapitalmarktausblick August 2022) (05.08.2022/alc/a/a)





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