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Renten: Handlungsdruck auf die Notenbanken steigt


06.06.22 10:15
Union Investment

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die hohen Inflationsraten in der vergangenen Woche haben den Handlungsdruck auf die Notenbanken wieder merklich erhöht, so die Experten von Union Investment.

Vor allem im Euroraum tue sich inzwischen ein großer Spalt zwischen den Leitzinsen (-0,5 Prozent) und den aktuellen Teuerungsraten (+8,1 Prozent) auf, den es schnell zu schließen gelte. Es verwundere daher nicht, dass einige EZB−Mitglieder nun auch wieder einen möglichen Zinsschritt um 50 Basispunkte ins Spiel bringen würden. Unsicherheit sei stets ein schlechter Berater. Im Optimalfall werde ein Zinserhöhungszyklus daher graduell vorgenommen. Das bedeute, dass planbare und gleichmäßige Schritte in festen Abständen erfolgen würden. Viele Notenbanker würden daher gern auch diesmal so vorgehen. Den Verfechtern einer eher restriktiveren Geldpolitik gehe das jedoch nicht schnell genug. Sie wollten die Leitzinsen zunächst so schnell wie möglich auf ein Niveau anheben, dass die Inflation zumindest nicht weiter befeuere. Danach könne man dann immer noch datenabhängig agieren und kleinere Zinsschritte vornehmen oder sogar pausieren. So zumindest versuche es die US−Notenbank, wobei auch dort in dieser Woche die Forderung nach einem noch größeren Zinsschritt von sogar 75 Basispunkte laut geworden sei. Die kanadische Zentralbank habe ihren Leitzins in dieser Woche auf 1,5 Prozent angehoben und für die beiden kommenden Sitzungen Zinsschritte von jeweils 75 Basispunkten angedeutet. Dies sei insofern erstaunlich, da der Inflationsdruck dort geringer sei als in den USA oder dem Euroraum.
Staatsanleihen würden mit Kursverlusten reagieren

Bei europäischen Staatsanleihen sei die Renditeentwicklung in diesem Umfeld wieder aufwärtsgerichtet gewesen. Zehnjährige Bundesanleihen hätten dabei die Marke von 1,20 Prozent überschritten und auf dem höchsten Renditelevel seit acht Jahren gehandelt. Die Zinsfantasie habe aber auch am kurzen Ende für einen deutlichen Renditeanstieg gesorgt. Hier seien per Freitagmittag sogar die höchsten Stände seit 2011 verzeichnet worden. Anleihen aus den Peripherieländern seien noch stärker unter Druck gekommen. Der Renditeaufschlag von italienischen Papieren gegenüber Bundesanleihen habe wieder mehr als 200 Basispunkte betragen. So hätten zehnjährige italienische Schuldverschreibungen bereits bei mehr als 3,3 Prozent rentiert. Es sei zwar kein nennenswerten Verkaufsdruck aufgekommen, aktuell würden sich aber eben auch kaum Käufer finden, sodass sich der Renditeabstand von Woche zu Woche vergrößere, auch ohne spezielle Nachrichten aus den jeweiligen Ländern.

Anleihen aus den Schwellenländern würden sich vergleichsweise gut halten

Auch in den USA seien die Renditen wieder aufwärtsgerichtet gewesen, der Anstieg sei aber weniger stark ausgefallen. Einerseits sei die Unsicherheit über den weiteren Kurs der US-Wirtschaft weiter hoch. Andererseits habe die US−Notenbank bereits einen steileren Zinspfad als etwa die Europäische Zentralbank kommuniziert. Schuldverschreibungen aus den Schwellenländern hätten sich dem allgemeinen Abwärtstrend in dieser Woche entziehen können. Als stützend hätten sich die nur moderaten Zinsanstiege in den USA erwiesen. Darüber hinaus betrage die Rendite von EM-Hartwährungsanleihen inzwischen stattliche 7,5 Prozent.

Damit würden sich kleinere Renditesteigerungen bereits gut kompensieren lassen

In der um einen Feiertag gekürzten Handelswoche würden die marktrelevanten Daten erst zum Ende der Woche erwartet. Am Donnerstag tage die Europäische Zentralbank. Dabei dürften die Währungshüter den für Juli geplanten Zinsschritt kommunikativ vorbereiten. Dieser gelte als gesetzt. Spannend werde es bei der Frage, ob es bei den von Christine Lagarde angekündigten 25 Basispunkten bleibe und wie der weitere Zinspfad für das restliche Jahr aussehen könnte. Am Freitag würden dann die Inflationsdaten aus den USA folgen. Marktteilnehmer würden mit einem leichten Rückgang rechnen. Die Teuerungsrate dürfte sich im Mai aber weiterhin oberhalb von acht Prozent bewegt haben und auch die Kernrate sollte nur geringfügig gefallen sein. (Marktrückblick und -ausblick KW22) (06.06.2022/alc/a/a)